05.04.2026
Ostern

Auferstehung - eine verrückte Idee?

Auferstehung - eine verrückte Idee?

Schon der Apostel Paulus wurde verlacht, als er von der Auferstehung sprach. Die Zweifel gehören von Anfang an dazu - und sind kein Phänomen der Moderne. Aber wovon spricht diese Hoffnung eigentlich? Ein Gespräch mit Johanna Haberer

Von Lale Raun

Johanna Haberer ist evangelische Theologin, Journalistin und Medienethikerin. Viele Jahre lehrte sie als Professorin für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen-Nürnberg und beschäftigte sich mit der Rolle von Religion in der Mediengesellschaft. Ein breites Publikum kennt sie zudem aus dem ZEIT-Podcast „Unter Pfarrerstöchtern“, in dem sie gemeinsam mit ihrer Schwester Sabine Rückert über biblische Erzählungen spricht. Heute ist sie Pastorin in Trittau.

Lale Raun: Frau Haberer, der Tod gilt als die einzige Gewissheit des menschlichen Lebens. Und doch lebt der christliche Glaube von der Hoffnung, dass der Tod überwunden ist.  Woher nimmt er diese Hoffnung?

Johanna Haberer: Ja, der Tod ist eine biologische und chemische eindeutige Tatsache: unser Leben ist endlich. Und doch versuchen Menschen seit jeher, diese Grenze zu überwinden. Heute etwa in der Langlebigkeitsforschung, die den biologischen Tod selbst zum Gegner erklärt. Diese Bekämpfung der Unabwendbarkeit des Todes ist schon immer eine Sehnsucht der Menschen gewesen.

Und eine solche Sehnsucht spiegelt sich auch im christlichen Auferstehungsglauben wider?

Haberer: Folgt man Paulus – einem unserer ältesten Zeugen –, dann geht es bei der Auferstehung nicht um eine Wiederbelebung des Körpers. Paulus spricht vielmehr von einer Verwandlung. Er beschreibt das mit einem Bild: als würde man ein anderes Gewand anziehen. Die christliche Vorstellung von Auferstehung meint also keinen biologischen Körper, der einfach weiterlebt. Der körperliche Tod – den etwa die Langlebigkeitsforschung zu überwinden versucht – ist aus dieser Perspektive nicht der eigentliche Gegner.

Wenn Auferstehung nicht die Rückkehr des Körpers meint – worin besteht dann das, was vom Menschen bleibt?

Haberer: Unsere Religion spricht von der Seele oder nehmen wir einen Begriff des Psychologen C. G. Jung  – des Schweizer Tiefenpsychologen, der sich intensiv mit religiösen Symbolen und Erfahrungen beschäftigt hat: Jung spricht vom „Selbst“: von jener unverwechselbaren Individualität, die einen Menschen ausmacht. Die Vorstellung wäre dann, dass genau diese Einzigartigkeit – das, was uns im Innersten ausmacht – vor Gott nicht verloren geht.

Christen sind überzeugt, dass es mehr gibt als das bloße biologische Leben – ein Leben von Gott her, das uns niemand nehmen kann"

Viele Menschen haben nach dem Tod eines Angehörigen das Gefühl, dass dieser noch irgendwie präsent ist.

Haberer: Auch darin kommt eine sehr menschliche Sehnsucht zum Ausdruck: die Sehnsucht, dass ein Mensch, der gestorben ist, für uns nicht einfach für immer verschwunden ist. Es gibt ja auch die Vorstellung, dass Liebe bleibt – dass sie gewissermaßen das geistige Band ist, das Menschen miteinander verbindet, auch über den Tod hinaus. Und solche Gedanken finden sich nicht nur in der Theologie. Der Physiker und Jesuit Pierre Teilhard de Chardin hat einmal sinngemäß gesagt: Alles, was die Materia, die Atome zusammenhält, sei letztlich Liebe. Der Gedanke, dass die Wirklichkeit von einem tieferen Zusammenhang getragen sein könnte, findet sich also nicht nur in der Religion

Das klingt zunächst überraschend – gerade weil Naturwissenschaft oft als Gegenpol zu religiösen Deutungen gilt.

Haberer: Ich erinnere mich an ein Interview mit dem Astrophysiker Fred Hoyle. Er wurde gefragt, ob die Welt letztlich Zufall sei. Seine Antwort war sehr anschaulich: Wenn man es für plausibel hält, dass ein Wirbelwind über einen Schrottplatz fegt – und am Ende steht dort ein fertig montierter Airbus –, dann kann man auch sagen, die Welt sei zufällig entstanden. Damit wollte er nicht beweisen, dass es Gott gibt. Aber er wollte zeigen: Auch naturwissenschaftliches Denken kennt Grenzen.

Wie zum Beispiel, ob der Tod wirklich die letzte Grenze unseres Lebens ist?

Haberer: Ich glaube, man muss zunächst sehen: Es gibt verschiedene Sprachen, in denen wir versuchen, die Welt zu verstehen. Es gibt die Sprache der Zahlen, der Gleichungen, der Geometrie – die Sprache der Physik und der Chemie. Schon diese Naturwissenschaften sind unterschiedliche Weisen, Wirklichkeit zu beschreiben. Und dann gibt es eine andere Sprache: die Sprache der Erfahrungen und der Bilder. Die Psychoanalyse hat uns zum Beispiel gelehrt, dass die Seele eine Art Bildsprache hat. Diese Bilder finden wir in der Poesie wieder – und auch in der Religion. In allen Religionen gibt es solche Bilder, mit denen Menschen versuchen auszudrücken, was sich nicht einfach messen oder berechnen lässt.

Sind solche Bilder vielleicht auch ein Versuch, Erfahrungen auszudrücken, die sich anders kaum beschreiben lassen – etwa die Hoffnung von Menschen, die selbst in extremen Situationen noch an ein Leben über den Tod hinaus geglaubt haben?

Haberer: Auf jeden Fall. Das sieht man zum Beispiel in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Dort wird Auferstehung häufig zu einem Bild des Widerstands gegen lebensfeindliche Verhältnisse. Im Christentum steht diese Hoffnung immer vor dem Hintergrund des Kreuzes. Jesus stirbt als politischer Gefangener einen gewaltsamen Tod – und die Welt ist bis heute voller solcher Opfer. Man muss nur auf die Konflikte unserer Gegenwart schauen. Gerade deshalb wird das Kreuz auch zu einem Zeichen des Widerstands gegen Verhältnisse, die Menschen zerstören. Christen sind überzeugt, dass es mehr gibt als das bloße biologische Leben – ein Leben von Gott her, das uns niemand nehmen kann, getragen von der Überzeugung, dass nichts von dem, was geschieht, am Ende vergessen ist. 

Manches erscheint uns nur deshalb unmöglich, weil wir die Möglichkeiten noch nicht

Um diese Hoffnung in sich zu tragen, braucht es den Glauben. Und der ist für viele Menschen heute nicht mehr selbstverständlich.

Haberer: Ich glaube, es ist tatsächlich ein Geschenk, wenn man glauben kann. Auch die Bibel spricht davon, dass der Glaube letztlich ein Geschenk des Heiligen Geistes ist.

Und wenn jemand das nicht kann, dann muss er eben anders leben. Man kann aber auch versuchen, sich spielerisch darauf einlassen – oder man sagt: Ich glaube nicht, weil ich den für mich realistischeren Lebensentwurf wählen will.  Ich persönlich glaube allerdings nicht, dass sie unbedingt realistischer ist.

Wenn man sich anschaut, welche Erkenntnisse und Möglichkeiten unsere Generation erlebt: Wer hätte vor wenigen Jahrzehnten gedacht, dass wir über die ganze Welt hinweg in Sekunden kommunizieren oder Zugriff auf nahezu das gesamte Wissen der Menschheit haben? Wir erleben gerade eine enorme Erweiterung unseres Bewusstseins und unserer Möglichkeiten. Es wird sogar darüber nachgedacht, Erinnerungen oder Wissen von Individuen digital zu speichern. Warum sollte man also ausschließen, dass sich auch unser Bewusstsein über den Tod hinaus in einer Weise erweitert, die wir heute noch gar nicht verstehen? Manches erscheint uns nur deshalb unmöglich, weil wir die Möglichkeiten noch nicht kennen.

Ist die Skepsis gegenüber dem Auferstehungsglauben eigentlich ein Phänomen der Moderne?

Haberer: Nein, überhaupt nicht. Schon Paulus erlebt das. In Athen spricht er vor Philosophen am Areopag über den Glauben – zunächst hören sie ihm aufmerksam zu. Doch als er von der Auferstehung der Toten spricht, beginnen einige zu spotten. Skepsis gehört also von Anfang an zur Geschichte dieses Glaubens.

Tod ist auch Hoffnungslosigkeit, Resignation und inneres Aufgeben

Warum hat gerade dieser Gedanke – trotz aller Skepsis – eine solche Überlebenskraft?

Haberer: Weil dieser Gedanke eine sehr grundlegende menschliche Erfahrung berührt. Es geht ja,  wie gesagt,  nicht nur um den biologischen Tod, sondern auch um den Tod in der Hoffnungslosigkeit: in Resignation, in Depression, im Schwarzsehen, im inneren Aufgeben des Lebens.  Solche Erfahrungen kennt schon die Bibel. In vielen Psalmen wird davon gesprochen, dass der Tod bereits ins Leben hineinreicht – dass Menschen innerlich schon tot sind, obwohl sie noch leben: in Angst, Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung. Dagegen setzt das Alte Testament die Erfahrung, dass Gott Menschen immer wieder ins Leben zurückruft – dass er sie aus der „Grube“, wie es in den Psalmen heißt, wieder herauszieht. Die Osterbotschaft radikalisiert diese Hoffnung noch einmal: Sie erzählt davon, dass das Leben in den Tod hineinreicht.

Zugleich machen Menschen Erfahrungen, die wir ernst nehmen sollten. Da sagt mir zum Beispiel jemand: „Mein Mann ist jetzt ein halbes Jahr tot. Aber wenn ich zur Tür hereinkomme, habe ich manchmal noch das Gefühl, er ist da.“ Solche Erfahrungen gibt es seit Jahrhunderten. Menschen haben das Empfinden, dass ihre Toten nicht einfach verschwunden sind, dass sie gehalten sind – und dass das Leben nicht einfach im Nichts endet.

Dem Tod nicht den letzten Ernst zu geben – das ist Ostern.

Also aller Grund zur Freude?

Haberer: Ostern ist vor allem Kraft und Lust zum Leben – und die Fähigkeit, andere damit anzustecken. In der christlichen Tradition gab es dafür das sogenannte Osterlachen. In der Osternacht wurde bewusst gelacht, um zu zeigen: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Auferstehung bedeutet Freude, die sich im Lachen ausdrückt – im Humor, im Spielerischen, im Mut zum Leben trotz aller Kreuzigungen dieser Welt. Dem Tod nicht den letzten Ernst zu geben – das ist Ostern. Ein Christentum, das das irdische Leben verachtet halte ich deshalb für ein falsch verstandenes Christentum.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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