15.05.2026
Porträt

Warum Rebecca Assif nie aufgehört hat zu glauben

Eine junge Frau, Rebecca Assif, erhält einen Kaffee to Go

Wie die „Gute Nachricht“-Bibel Rebecca Assif durchs Leben trug

Rebecca Assif hat früh erlebt, was Verlust, Angst und Unsicherheit bedeuten. Heute ist sie Pastorin in Hamburg-Wilhelmsburg, entwickelt neue Gottesdienstformate und baut Brücken zwischen Religionen.

Von Rike Fabia Lohmann

Ein warmer Frühlingstag. Die Sonne scheint, die Büsche und Bäume im Garten des Pastorats der Reiherstieg-Kirchengemeinde in Hamburg-Wilhelmsburg leuchten in sattem Grün. Die Vögel zwitschern, vom angrenzenden Kindergarten hallt Gelächter herüber. Rebecca Assif, seit anderthalb Jahren Pastorin in der Gemeinde, sitzt auf einem der Gartenstühle. Ihre Augen strahlen mit ihrer grell-pinken Strickjacke um die Wette. 

Assif wirkt glücklich. Sie ist angekommen und zufrieden in ihrem Zuhause und an ihrem Arbeitsplatz im Süden der Hansestadt. Sie wirkt ruhig und gelassen. Dabei war ihr bisheriges Leben vor allem: Bewegt.

Kindheit voller Abschiede

Die ersten Jahre ihres Lebens verbringt sie in einem protestantisch geprägten Mehr-Generationen-Haushalt in Hamburg-Harburg. Rebecca ist sechs, als ihre Mutter plötzlich an Krebs erkrankt – und kurze Zeit später verstirbt. Innerhalb der darauffolgenden drei Jahre versterben auch alle anderen Menschen, die das Zuhause mit Leben füllten. Kaum vorstellbar, was das für ein kleines Kind bedeutet. Aus Geborgenheit wird ein Nacheinander von endgültigen Abschieden. 

Sie landet in einer Pflegefamilie – die diesen Namen nicht verdient. Was sie dort erlebt hat, erzählt sie zurückhaltend. Zwischen den Zeilen aber hört man es deutlich: Die Zeit war geprägt von Angst, von Unsicherheit und auch von Gewalt. Dank eines aufmerksamen Lehrers bekommt Rebecca Assif Hilfe. Sie verlässt die Familie. Es folgen Jugendnotdienst, Heim und verschiedene Wohngruppen. Das junge Mädchen zieht etliche Male um.

Die Bibel als Rettungsanker

Viel Gepäck nimmt sie nie mit. Sie besitzt schlichtweg nicht viel. Zwei Dinge allerdings begleiten sie immer: Ein Teddybär. Und eine „Gute Nachricht“-Bibel mit gelbem Einband. „Sie war meine Konstante, mein wertvollster Besitz“, erzählt Assif. „Ich habe sie damals komplett durchgelesen.“ 

Nicht wie eine Theologin – natürlich nicht – , die die Texte historisch-kritisch betrachtet, sondern wie eine Jugendliche, die sich an etwas festhält, das bleibt, wenn alles andere verschwindet. „Natürlich habe ich vieles auch nicht verstanden. Aber ich hatte so großen Ehrgeiz, mich da durchzukämpfen. Und ja – die Texte haben mir Kraft gegeben. Und Hoffnung.“
 

„Warum hast du mich verlassen?“

Ihre liebste Bibel-Stelle? Matthäus 27,46, Psalm 22,2. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesu letzte Worte am Kreuz. Ausdruck von Schmerz, Todesangst und Verlassenheit. Gleichzeitig der tiefe Glaube an Gottes Treue im tiefsten Leid.

„Auch ich war nie wütend auf Gott“, sagt sie. „Trotz allem. Vielmehr war ich immer überzeugt, dass er mich durch all die schlimmen Zeiten geleitet. Irgendwie.“ Ihr Bild von Gott sei nicht romantisch, aber tief: „Er ist für mich kein allmächtiger Automat, der Wünsche erfüllt, sondern ein Gegenüber, zu dem man sprechen kann – selbst im Gefühl der Verlassenheit.“ 

Schule als sicherer Ort

Neben Bibel und Teddybär gibt es eine weitere Konstante im Leben der jungen Rebecca: die Schule. Ein Ort, der ihr Sicherheit gibt. 
Trotz aller Widrigkeiten – oder vielleicht gerade wegen dieser – macht sie Abitur. Und beschließt zu studieren. Da die Abi-Note für Plan A – Wirtschaftspsychologie – nicht ausreicht, schreibt sie sich für Plan B ein: Theologie. Es sei ein innerer Impuls gewesen, sagt sie.

Schon im ersten Semester realisiert Assif: „Das ist genau mein Ding. Ich habe den Hebräischkurs geliebt und das Eintauchen in die alten Texte.“ In ihrer Kindheit und Jugend war sie für viele das Problemkind. Menschen sagten ihr, sie würde es zu Nichts bringen. „Denen wollte ich es auch irgendwie zeigen.“ Das anspruchsvolle Theologie-Studium ist für Rebecca Assif, die eine Stärke und Intelligenz innehat, die einige ihrer früheren Wegbegleiter ihr weder ansahen noch zutrauten, keine Hürde. Im Gegenteil. 
Der Wunsch, Pastorin zu werden, entwickelt sich. Und ist eine nicht unlogische Konsequenz aus ihrem Lebensweg. Assif weiß, wie es ist, wenn niemand fragt, wie es einem geht. Und sie weiß, was es heißt, wenn plötzlich doch jemand fragt – und die Antwort auch aushält. Genau das – dieses Fragen und Aushalten und Kraft geben und begleiten – das will auch sie.

Und dann kam Wilhelmsburg

Eine Frau, Rebecca Assif, steht vor einem Kirchturm
Pastorin Rebecca Assif vor der Emmaus-Kirche der Reiherstiegsgemeinde in Wilhelmsburg.

Dass sie nach ihrer Ordination ausgerechnet in Wilhelmsburg eine Stelle antritt, scheint mehr Schicksal als Zufall zu sein. Denn so idyllisch es im grün-blühenden, von Kinderlachen beschallten Pastorats-Garten auch wirkt, so unidyllisch ist der „Problem“-Stadtteil Wilhelmsburg. Hohe Kriminalitätsraten, viel Armut und Sorgen prägen die Gegend. Klassische Kirchgänger findet man hier weniger.

Aber was bedeutet schon „klassische Kirchgänger“? Assif macht ihr eigenes Ding. Und lockt durch die Art ihrer Gottesdienste und durch ihre Präsenz im Viertel ganz neue Menschen in die Gemeinde.

Predigt, Popcorn und Gespräche über das Leben

Regelmäßig spaziert sie im Talar durch die Straßen. „Fast immer sprechen mich Passanten an und fragen, was ich da anhabe“, erzählt Assif. „So komme ich mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch und merke jedes Mal: Die Leute finden das spannend.“

Spannend, beliebt und dementsprechend gut besucht ist Assifs Gottesdienst-Format „Predigt und Popcorn“. Ihr Konzept: „Wir gucken zusammen Episoden aus Serien wie ‚Friends‘ oder ‚Scrubs‘ und nehmen sie als Ausgangspunkt zu Gesprächen über Tod, Freundschaft und Sinn.“ Gemeinsam schaut, lacht und diskutiert man. In ihrer Rolle als Pastorin gelingt es Assif dabei, die Lebenswelten der Menschen, Unterhaltung und christlichen Glauben miteinander zu verbinden.

Interreligiöse Brücken

Verbindung sucht Assif auch zwischen Christentum und anderen Religionen. Nicht nur, weil Wilhelmsburg migrantisch geprägt ist, sondern weil sie es in Zeiten, in denen islamfeindliche Stimmen lauter geworden sind, als wichtig erachtet. So lud sie jüngst einen Imam in die Reiherstieg-Gemeinde ein, veranstaltete mit ihm eine Gesprächsrunde und bot Raum für Fragen. „Die Neugierde und das Interesse ist gegenseitig da“, so Assif. „Man muss den Menschen halt auch die Möglichkeit geben, sich auszutauschen, kennenzulernen und etwaige Vorurteile abzubauen.“

Als wäre der Beruf der Pastorin, der schließlich auch noch administrative Aufgaben beinhaltet, nicht ausfüllend genug, promoviert Rebecca Assif noch. „Ich arbeite an einem Thema, das eng mit meiner Biografie verwoben ist und entwickle einen antidiskriminierungsethischen Ansatz im Blick auf Menschen mit Careleaver-Hintergrund. Dabei untersuche ich, wie gesellschaftliche Normen rund um Familie, Herkunft und Zugehörigkeit dazu führen können, dass Menschen aus der Jugendhilfe strukturelle Benachteiligung und soziale Unsichtbarkeit erfahren. Es gibt dazu bisher wenige Stimmen aus der wissenschaftlichen Perspektive. Das möchte ich ändern. Außerdem verstehe ich meine Forschung als eine Form von Verantwortung: Wenn man eine Stimme hat und die Möglichkeit, gehört zu werden, dann sollte man sie nutzen.“ Sie hält kurz inne. Dann fügt Assif an: „Und irgendwie ist da in mir auch ein bisschen Trotz. Trotz, es allen zu zeigen, die prophezeit haben, das aus mir nichts wird.“

Als hätte sie das nicht schon längst getan…

Das könnte Sie auch interessieren
Ein Mädchen sitzt bei der Krippe unter einem Weihnachtsbaum.
Glaube
Weihnachten: Ursprung, Bedeutung und Traditionen
Kontakt

Auf vielen Wegen für Sie erreichbar:
ServiceCenter Kirche und Diakonie Hamburg

E-Mail

Kontakt zum Service-Center

WhatsApp

Chatten Sie mit uns

Telefon

Montag – Freitag, 9 – 17 Uhr

Social Media

Besuchen Sie uns auf allen Kanälen