29.01.2026
Stille

Stille finden: Warum wir sie für unser Leben brauchen

Diakon Hajo Witter

Die Antwort findet sich in der Stille

Zwischen Job, Familie und Dauer-Online-Sein geht vielen die Stille verloren. Diakon Hajo Witter zeigt, warum gerade Krisen die Sehnsucht nach Ruhe wecken – und wie Menschen in Hamburg Schritt für Schritt Stille üben können.

Von Christian Schierwagen

Die Welt ist laut. Umgeben von Krisen, Konsum, Medien und Leistungsdruck, fällt es vielen von uns schwer, Stille zuzulassen. Oft steckt dahinter eine leise Angst, die fragt: Was begegnet mir, wenn ich ganz still werde? Diakon und Diplom-Sozialpädagoge Hajo Witter kennt diese Angst – und beruhigt: „Zunächst spüren wir uns selbst, so wie es jetzt im Moment gerade ist. Das ist für manche Menschen eine ungewohnte Situation, aber selten beunruhigend, ganz im Gegenteil.“

In einer Großstadt wie Hamburg liegt für viele der Gedanke nahe, sie würden gar nicht still werden können. „Wer berufstätig ist oder studiert, wer Kinder zu versorgen hat oder sich um die Eltern kümmert, dem geht Stille schnell abhanden. Auch die meisten Freizeitaktivitäten oder Social Media sind wenig darauf angelegt, Stille zu erfahren.“ Der Diakon ist überzeugt: Dabei entgehen uns viele gute Erfahrungen, wenn Stille im Alltag kaum vorkommt. Aber wie kann das gelingen?

Sehnsucht nach Stille in einer lauten Welt

Studien zeigen, dass der Zustand für viele Befragte mit Ruhe, Abstand vom Lärm des Alltags und der Möglichkeit verbunden wird, sich selbst klarer zu spüren. Auch der Diakon beobachtet eine „unkonkrete Sehnsucht nach Spiritualität“ bei Menschen, die Angebote wie „Stille am Abend“ oder die „Gehmomente“ wahrnehmen.

Hajo Witter und seine Kolleg*innen bieten mit „Stille am Abend“ einen offenen Meditationsabend (18:15 Uhr bis 20:00 Uhr) in Hamburg-Volksdorf an. Inhalt ist ein kurzer geistlicher Impuls, christliche Meditation in Stille, sanfte Bewegungs- und Atemübungen sowie gemeinsames Schweigen.

Die „Gehmomente“ sind Achtsamkeitsspaziergänge an wechselnden Orten in Hamburg mit einer Dauer von ca. zwei Stunden In moderatem Tempo wechseln sich bewusste Wahrnehmung von Natur und Stadt mit Atem- und Achtsamkeitsübungen ab.

Weitere Informationen zu den Angeboten auf der Webseite von Lebe im Alter.

Die Angebote vom Diakon und seinen Kolleg*innen richten sich dabei bewusst an Gruppen. „Die Menschen hier stellen schnell fest, dass sie mit ihrer Sehnsucht nach Spiritualität nicht allein sind. Das schafft eine Vertrauensgrundlage und es fällt vielen in der Gruppe dadurch erheblich leichter, sich auf die Stille einzulassen.“

Warum Stille oft erst ab der Lebensmitte wichtig wird

Die Sehnsucht nach Stille scheint sich erst in späteren Jahren zu manifestieren, die Jüngsten in den Gruppen, die Witter und Kolleg*innen betreuen, sind Anfang 40. Studien beschreiben das psychische Wohlbefinden in vielen Ländern als U-Form: In den jüngeren Jahren ist es höher, fällt in den 40er-/50er-Jahren ab und steigt im höheren Alter wieder.

Beschäftigt mit dem Aufbau einer Karriere, Partnerschaft und Kinder, haben Menschen in den 30ern womöglich weniger Raum für innere Einkehr. Dabei bleibt der Stresspegel gerade bei ihnen hoch. In der Lebensmitte treffen dann Wachstum und erste Verlusterfahrungen aufeinander, die psychische Belastung erreicht ihren Höhepunkt – und viele merken, dass Zerstreuung und Konsum allein nicht mehr ausreichen, um sie innerlich zu tragen.
 

Wenn Krisen zur Chance werden

„Es sind oft Krisen, die Menschen aufmerksam werden lassen. Wir bemerken: ‚Ich brauche etwas‘, wissen aber oftmals nicht genau, was.“ Insofern seien Krisen sogar hilfreich, erklärt der Sozialpädagoge: „Sie zwingen uns aus unserer Komfortzone. Im Leben geht es immer um Entwicklung, auch um schmerzhafte. Und gerade bei solchen kann Stille hilfreich sein.“ In diesen Situationen sind Menschen auf der Suche – und brauchen jemandem, dem sie sich anvertrauen können.

„Menschen merken mit der Zeit oft, wie furchtbar oberflächlich die gesellschaftlichen Zerstreuungsmöglichkeiten sind. Wir konsumieren bestimmte Dinge, haben für einen Moment Freude, aber auf längere Sicht keine tiefe Befriedigung.“ Auf der Suche nach dieser tiefen Befriedigung können spirituelle Wege helfen, so Witter. 
 

Erste Schritte: Stille in Gruppe und Alltag üben

Gruppen wie die „Stille am Abend“ sind ein Angebot, in der Gemeinschaft Ruhe und Antworten zu finden. Gerade für Menschen, die es nicht gewohnt sind, Stille einkehren zu lassen, sind solche Gruppen ein guter Start, so der Diakon. „Grundsätzlich ist es bei vielen von uns so, dass unsere Gedanken unruhig auf der Bahn zwischen Vergangenem und Zukünftigem hin und her kreisen.“ Wenn es uns jedoch gelingt, unsere Gedanken auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren, dann könne sich eine innere Stille einstellen – und sei es auch nur für eine Minute. 

Dabei helfe es, sich einfach auf den eigenen Atem zu konzentrieren und zu bemerken, wie er kommt und wieder geht. „Das ist eigentlich ganz leicht, auch wenn man sich konzentrieren muss. Es lohnt sich und ist am Ende eine Frage der Übung und Wiederholung.“

Es kann auch helfen, sich einen ruhigen Ort zu suchen, von denen es in der Großstadt Hamburg einige gebe. „Eine Bank oder ein langsamer Spaziergang in einem der vielen schönen Parks der Stadt sind für stille Momente wunderbar geeignet.“ Und natürlich seien die vielen Kirchen der Stadt besondere Orte der Stille – „die sind ja auch regelrecht für innere Stille geschaffen worden“.
 

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