22.06.2026
Wohnungslosenhilfe in Hamburg

Wohnhafen: Mehr als ein Dach über dem Kopf

Eine Häuserfassade in Hamburg

Wie der Wohnhafen Menschen auf dem Wohnungsmarkt unterstützt

Sie haben keine eigene Adresse, keine Schufa-Auskunft, manchmal keine Sprache für das, was ihnen passiert ist: Der Wohnhafen hilft den Menschen, die auf dem Hamburger Wohnungsmarkt sonst kaum eine Chance haben.

Von Christian Schierwagen

Anfang 2024 lebten in Hamburg knapp 3.800 Menschen auf der Straße – fast doppelt so viele wie noch sechs Jahre zuvor. Zusätzlich sind Tausende zwar nicht obdachlos, aber auch nicht zuhause: Sie leben in öffentlich-rechtlicher Unterbringung, ohne Perspektive auf eine eigene Wohnung. Für genau diese Menschen gibt es den Wohnhafen: eine diakonische Einrichtung, die sich um die komplexesten Wohnungslosen-Situationen kümmert, die sogenannte Stufe 3.

„Haushalt" statt „Fall": Eine Frage der Haltung

Wer zum Wohnhafen kommt, wird nicht als Akte behandelt. „Die bewusste Wahl des Begriffs ‚Haushalt' anstelle von ‚Fall' spiegelt unsere professionelle Haltung wider", erklärt Mina Plaß, Leiterin vom Wohnhafen. Das Wort „Fall“ degradiere Betroffene zu bloßen Nummern in einem System. „Haushalt“ hingegen, so Plaß, betone die Individualität der Menschen.

Diese sprachliche Differenzierung sei kein Selbstzweck: Sie unterstreiche den Anspruch, klientenzentriert und nach dem Empowerment-Ansatz zu arbeiten – also die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Menschen zu stärken. 

Wer zu ihnen kommt und warum

Die Bezirke schicken nur diejenigen zum Wohnhafen, die sonst niemand versorgen kann. Die Gründe, warum eine Wohnungsvermittlung scheitert, sind vielfältig: Altschulden, fehlende Deutschkenntnisse, körperliche oder psychische Erkrankungen. „Die teilweise multiplen Problemlagen erschweren die Vermittlung, insbesondere auf einem hart umkämpften Wohnungsmarkt", so Plaß. 

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Wohnungslosigkeit ist stark stigmatisiert. Viele Vermieter*innen scheuen den Aufwand, nach den tieferen Ursachen für einen Wohnungsverlust zu suchen, und unterstellen Betroffenen pauschal Unzuverlässigkeit. Das mindert ihre ohnehin minimalen Chancen auf dem Markt zusätzlich.

Derzeit gibt es laut Plaß einen ausgeprägten Vermieter*innenmarkt, der aus dem Wohnraummangel entstanden ist: „Durch die Auswahlmöglichkeit stehen Menschen mit negativer Schufa oder Räumungstitel hinten an." In Hamburg wurden 2025 trotz ambitionierter Ziele nur 2.742 neue geförderte Wohnungen bewilligt – 350 weniger als im Vorjahr. Dem gegenüber stehen 643.000 Hamburger Haushalte mit Anspruch auf eine Sozialwohnung.

Wenn eine Familie sich neu finden muss

Was der Wohnhafen konkret verändert, zeigt Mina Plaß an einem Beispiel aus der Praxis: Eine Familie hatte wegen Wohnungsverlusts ihre zwei Kinder vorübergehend in Obhut geben müssen. Sie befand sich seit Längerem in öffentlich-rechtlicher Unterbringung, ohne Aussicht auf eine eigene Wohnung. Der Wohnhafen vermittelte zunächst eine Zweizimmerwohnung. 

„Schon kurz nach Wohnungsbezug half die Stabilität und Ruhe der Familie, sich wieder neu zu sortieren. Der Vater nahm einen Job an, die Mutter begann, sich um ihre Gesundheit zu kümmern", erzählt die Leitung. Schnell war klar, dass die Kinder zurück zu ihren Eltern sollten, also machte sich der Wohnhafen erneut auf die Suche nach einer größeren Wohnung, begleitete den Umzug und half der Familie beim Ankommen im neuen Stadtteil.

Grundsätzlich endet die Begleitung mit dem Einzug nicht nicht. In der Regel unterstützt das Team des Wohnhafens Haushalte noch ein gutes Jahr im eigenen Wohnraum. Mina Plaß beschreibt, woran sie merkt, dass jemand wirklich angekommen ist: „Wenn sich die Hilfe auf andere überträgt – also Ansprechpartner*innen im neuen Sozialraum gefunden sind und die Problemlagen in den Terminen weniger komplex und ruhiger werden." 

Was sich strukturell ändern muss

Mina Plaß hat eine klare Vorstellung davon, was es braucht, damit ihre Arbeit eines Tages nicht mehr nötig ist: mehr sozialer Wohnungsbau, eine bessere Vernetzung des Hilfesystems und konsequenter Bürokratieabbau. Drei Forderungen, die einfach klingen und doch politisch hochkomplex sind: Hamburg investiert in diesem Jahr 1,774 Milliarden Euro in die Wohnraumförderung. Ob das reicht, wird die Zukunft zeigen. Klar ist: Solange der Markt so bleibt, wie er ist, werden Mina Plaß und ihre Mitarbeitenden vom Wohnhafen gebraucht.

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