28.04.2026
Wohnen in Hamburg

Auf kirchlichem Grund: Ein Stück Heimat in Lurup

Die Boberstraße in Hamburg-Lurup

7,25 Euro pro Quadratmeter: Wie Kirche in Hamburg ein Zeichen setzt

Während Neubau-Mieten in Hamburg vielfach bei 17 Euro pro Quadratmeter und mehr liegen, zeigt ein Projekt der Ev.-Luth. Kirche in Hamburg-Lurup: Es geht auch anders. 

Hamburg kämpft mit Wohnungsnot: Laut dem „Sozialen Wohn-Monitor 2026" des Pestel Instituts fehlen in der Stadt aktuell rund 26.000 Sozialwohnungen – bis 2030 müssten jährlich etwa 14.000 neue entstehen, um den Bedarf zu decken. Tatsächlich wurden 2024 gerade einmal 2.261 Sozialwohnungen fertiggestellt. Mehr als 643.000 Hamburger Haushalte haben Anspruch auf eine geförderte Wohnung – und warten.

Inmitten dieser Debatte entstand mitten in Hamburg-Lurup bezahlbarer Wohnraum dank der Ev.-Luth. Kirche: An der Boberstraße 6 stehen seit Dezember 2025 zwei neue Wohnhäuser, 52 geförderte Wohnungen. Die Miete: 7,25 Euro pro Quadratmeter, gebunden auf 30 Jahre. Gebaut hat sie bauwerk KIRCHLICHE IMMOBILIEN in nur elf Monaten. Wir sprachen mit Mitarbeitenden über das Projekt – und warum es auf so vielen Ebenen wichtig ist.

Wer hier wohnt

An der Boberstraße leben heute vor allem Familien und Menschen, die auf dem Hamburger Wohnungsmarkt besonders wenig Chancen haben: Familien aus Übergangs- und Notunterkünften sowie Menschen, die nach dem „Housing First"-Ansatz eine erste eigene Wohnung erhalten. Das Besondere: Neben kleinen Einheiten wurden gezielt große Familienwohnungen gebaut. Denn die sind im Raum Hamburg besonders knapp.

„Unser Anspruch war, nicht irgendeinen Neubau zu errichten, sondern einen Ort, an dem Kinder aufwachsen und Erwachsene wieder zur Ruhe kommen können“, beschreibt Immobilienkaufmann Jonathan von Massenbach die Idee hinter den Häusern.

An einem konkreten Beispiel zeigt er auf, was das für die einzelne Person bedeuten kann: „Eine alleinerziehende Mutter kam aus einer beengten Übergangsunterkunft, in der Alltag nur ‚auf Zeit‘ möglich war. Jetzt hat sie eine eigene Wohnung – mit Platz für Schreibtisch und Kinderzimmer. Für sie bedeutet das: endlich langfristig planen, die Schule in der Nähe, feste Freundschaften im Hof und das Gefühl, wirklich anzukommen.“

Ein Stück Heimat

Luftaufnahme der Boberstraße in Lurup
In Hamburg-Lurup ist ein Stück Heimat entstanden – auf kirchlichem Grund.

Pröpstin Anja Botta, die das Projekt bei der Einweihung im Dezember 2025 würdigte, sprach von einem „Stück Heimat, das auf kirchlichem Grund entstanden ist." Für Kris Heitmann, Geschäftsführer von bauwerk KIRCHLICHE IMMOBILIEN, meint Heimat in diesem Kontext vor allem Sicherheit, Bezahlbarkeit und Verlässlichkeit: Menschen sollen nicht alle paar Jahre umziehen müssen, weil die Miete davonläuft. Heimat ist für ihn aber auch Gemeinschaft – mit Innenhof, Kirche, Kita und Jugendwohnungen direkt vor der Tür.

Zum Konzept gehören auch ein gemeinsamer Innenhof, die Nähe zur Kirche zu den Zwölf Aposteln sowie eine bereits bestehende Kita und Jugendwohnungen in unmittelbarer Umgebung, so Heitmann weiter. So entsteht kein isolierter Wohnkomplex, sondern ein lebendiges Quartier – mit kurzen Wegen zur Seelsorge, zur Gemeinschaft und zur Unterstützung.

Warum Kirche nicht verkauft hat

Viele Gemeinden in Hamburg besitzen wertvolle innerstädtische Grundstücke. Der Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein hat eine andere Entscheidung getroffen. „Wir haben das Grundstück nicht verkauft, weil Boden für uns kein reines Handelsgut ist, sondern ein Instrument kirchlicher Verantwortung im Stadtteil“, bringt es Geschäftsführer Michael Benthack auf den Punkt.

Indem der Kirchenkreis selbst baut, können langfristig bezahlbare Mieten gesichert, soziale Zielgruppen in den Mittelpunkt gestellt und die Verbindung von Kirche, Quartierarbeit und Wohnen dauerhaft verankert werden. „Das Grundstück bleibt in kirchlicher Hand – und entzieht sich so dauerhaft dem Spekulationsdruck“, ergänzt Petra Janhsen, Leiterin des technischen Teams bei bauwerk.

Wie die kurze Bauzeit möglich war

Elf Monate Bauzeit für 52 Wohnungen: Das klingt fast unrealistisch in einer Stadt, in der Genehmigungsverfahren und Bauprojekte häufig Jahre dauern. Der Schlüssel liegt in der seriellen Bauweise. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Munich Strategy ist serielles Bauen bis zu zehn Mal effizienter als traditionelles Bauen; McKinsey schätzt, dass die Projektlaufzeit um 20 bis 50 Prozent verkürzt werden kann.

bauwerk realisierte das Projekt gemeinsam mit Viebrockhaus AG, einem Partner mit langjähriger Erfahrung im vorgefertigten Bauen. Petra Janhsen erklärt die Besonderheit: „Schlanke Prozesse, klare Zuständigkeiten, viele Entscheidungen vor Baubeginn statt während der Bauphase – und ein hoher Vorfertigungsgrad, kombiniert mit einem einfachen, wiederholbaren Gebäudekonzept."

Hinzu kommt: Das Gebäude in der Boberstraße 6 war bei seiner Fertigstellung das erste Wohngebäude Hamburgs im Niedrigstenergiestandard der IFB (Investitions- und Förderbank Hamburg) – ein Zeichen, dass bezahlbares und ökologisch verantwortungsvolles Bauen keine Gegensätze sein müssen.

7,25 Euro: eine politische Ansage

In einer Stadt, in der die durchschnittlichen Angebotsmieten für Neubauwohnungen aktuell bei rund 17,87 Euro pro Quadratmeter liegen, ist eine Miete von 7,25 Euro pro Quadratmeter mehr als eine Zahl: „Das ist eine klare Haltung“, sagt Kris Heitmann. „Wir verzichten bewusst auf maximale Rendite, um einen langfristig bezahlbaren Ort zum Leben zu schaffen.“

Möglich wird sie durch Fördermittel der Stadt Hamburg, eine günstige Finanzierung und die Unterstützung der HERMANN REEMTSMA STIFTUNG sowie den bewussten Verzicht auf maximale Rendite.

Diese Miete gilt für 30 Jahre. Darüber hinaus will bauwerk die Wohnanlage ausdrücklich als bezahlbaren Wohnort im Quartier erhalten. Kein Autoparkplatz wurde gebaut, dafür 116 Fahrradstellplätze, als ein klares Bekenntnis zu nachhaltigem Wohnen und zu einer Kostenstruktur, die die Bewohnenden entlastet.

Was die Kirche leisten kann und was die Politik tun muss

52 Wohnungen sind wichtig für die Menschen der Stadt, die ein Zuhause suchen. Aber sie lösen das Problem nicht allein. Hamburg braucht bis 2030 nach Berechnungen des Pestel Instituts Zehntausende neue Sozialwohnungen – und baut derzeit weit weniger als nötig. Petra Janhsen von bauwerk: „Die Kirche kann zeigen, dass auf kirchlichem Grund sozialer, nachhaltiger und zugleich wirtschaftlich verantwortbarer Wohnraum möglich ist. Die Politik muss dafür sorgen, dass solche Projekte die Regel werden können: durch ausreichend Fördermittel, schnellere Genehmigungen und eine aktive Bodenpolitik.“

Ist das noch Kirche oder schon Wohnungsbaugesellschaft?

Manche mögen sich fragen, ob das alles noch Kirche ist oder vielleicht eher schon eine Wohnungsbaugesellschaft. Und die Antwort von bauwerk-Geschäftsführer Michael Benthack ist klar: „Das ist Kirche, die ihre Immobilien ernst nimmt und ihr Eigentum im Sinne des Evangeliums nutzt. Wohnen ist eine soziale Frage – und Kirche war immer dann glaubwürdig, wenn sie sich um die Lebensbedingungen der Menschen gekümmert hat, nicht nur um die Sonntage."

Das Projekt an der Boberstraße trägt diesen Anspruch in den Alltag – mit Beton, Fahrradstellplätzen und einer Miete, die Menschen ermöglicht, in ihrer Stadt zu bleiben. Ein Stück Heimat, gebaut auf kirchlichem Grund.

bauwerk KIRCHLICHE IMMOBILIEN ist die Immobilienabteilung des Kirchenkreises Hamburg-West/Südholstein. Sie entwickelt, baut und bewirtschaftet kirchliche Gebäude und Grundstücke mit klarem Gemeinwohlfokus: von Kitas und Gemeindezentren über Pflegeeinrichtungen, Demenz-WGs oder Beratungsstellen bis zu bezahlbarem Wohnraum wie an der Boberstraße. Ziel ist es, kirchliches Eigentum langfristig zu sichern, sozial und ökologisch verantwortlich zu nutzen und so die Arbeit der Kirche im Quartier ganz konkret zu unterstützen und sichtbar zu machen.

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