01.06.2026
Integration & Sprache

Integrationskurse öffnen die Tür ins neue Zuhause

Lina Hoeft, Rahul Yadav und Landespastorin Annika Woydack (v.l.) erklären, wie Integrationskurse Brücken bauen.

Mehr als nur Deutsch lernen: Integrationskurse als Brücke

Integration ist mehr als das Verstehen der Landessprache. Es geht darum, den Alltag in der Fremde zu meistern und vielleicht eine zweite Heimat zu finden.

Von Artur Fischer-Meny (epd)

Rahul Yadav steht im Supermarkt - und versteht erst mal gar nichts. „So many cheese“, sagt er und lacht – so viel Käse. Alles verpackt. Alles auf Deutsch. Er erinnert sich, als der heute 27-Jährige 2022 aus Indien nach Hamburg kam, war selbst Einkaufen plötzlich kompliziert. Dabei hatte Yadav Architektur und Stadtplanung studiert, wache Augen, kluge Gedanken, offenes Herz, das merkt man. Deutschland, sagt er heute, beginne nicht bei Universitäten oder Behörden. Sondern im Alltag, im Supermarkt, im Gespräch mit anderen Menschen.

Integrationskurse sollen genau dabei helfen. Vier Tage pro Woche lernen Zugewanderte dort fast ein Jahr lang Deutsch, Orientierung im Alltag und Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Gruppen bestehen meist aus zwölf bis gut 20 Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern. Träger sind etwa Volkshochschulen oder Wohlfahrtsverbände wie die Diakonie Hamburg, die zu den größten Anbietern von Integrations- und Beratungsangeboten in der Stadt gehört. 

Doch genau dieses Angebot stand zuletzt plötzlich auf der Kippe: Die Bundesregierung wollte den Zugang zu staatlich finanzierten Integrationskursen deutlich einschränken. Nach Protesten von Ländern, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden und Wirtschaft wurden die Pläne teilweise zurückgenommen. Doch die Unsicherheit bleibt.

Mehr als Grammatik

„Integration course is the Weg zum Gesellschaft“, sagt Rahul Yadav. Und tatsächlich geht es dort um weit mehr als Grammatik. Menschen lernen, Formulare zu verstehen, Arzttermine zu organisieren oder sich im deutschen Behördensystem zurechtzufinden. Vor allem aber begegnen sie anderen Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen. „You are not leaving someone behind“, sagt Yadav. Niemand werde zurückgelassen.

Im Integrationszentrum der Diakonie Hamburg erlebt Lina Hoeft genau das jeden Tag. Sie leitet die Einrichtung und beobachtet, wie schnell sich Menschen verändern, sobald sie anfangen, Sprache und Alltag besser zu verstehen. Anfangs seien viele unsicher, erzählt sie. Monate später stünden dieselben Menschen plötzlich plaudernd auf dem Flur und unterhielten sich auf Deutsch miteinander.

Die Kurse seien deshalb weit mehr als Unterricht. Sozialpädagoginnen helfen bei Problemen mit Behörden, Wohnungssuche oder Kita-Plätzen. Viele Teilnehmende seien vor Krieg oder schwierigen Lebenssituationen geflohen. Manche lebten seit Jahren in Unsicherheit oder hätten Familienangehörige verloren.

Chance auf Integration für alle ermöglichen

Gerade deshalb sorgt die politische Diskussion um Kürzungen bei vielen Trägern für Frust. „Ich sitze da und beiße in die Tischkante“, sagt Hoeft. Denn Sprache sei Voraussetzung für fast alles: Arbeit, Teilhabe und gesellschaftliches Zusammenleben.

Ähnlich sieht es Annika Woydack, Landespastorin der Diakonie Hamburg. Integrationskurse seien „Brückenbauerinnen“. Ohne Sprache entstünden schnell abgeschlossene Gruppen und gesellschaftliche Parallelwelten. „Dann separieren sich bestimmte Gruppen, dann ziehen sich Menschen zurück.“

Dabei gehe es längst nicht nur um Migration, sondern auch um die Zukunft einer alternden Gesellschaft. Gerade Pflege, Handwerk oder soziale Berufe suchten dringend Fachkräfte. „Warum bezahlen wir viel Geld, um im Ausland Fachkräfte anzuwerben“, fragt Woydack, „anstatt die Menschen, die hier sind und hier arbeiten wollen, gut zu integrieren?“

In Hamburg haben deshalb Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und sogar die Handelskammer gemeinsam protestiert. Dass die Bundesregierung ihre ursprünglichen Pläne teilweise zurücknahm, werten viele als Erfolg. 

Die Sorge bleibt dennoch bestehen: Wer künftig tatsächlich einen Platz bekommt, soll stärker von Kontingenten, Haushaltsentscheidungen und dem Schutzstatus abhängen. Tenor: Wer ohnehin keine Chance auf Anerkennung hat, soll auch keine auf Integration bekommen. So lesen sich die Vorhaben aus Berlin.

Ein Zuhause werden

Für Rahul Yadav sind das politische Debatten. Sein Blick auf Deutschland ist inzwischen ein anderer geworden. Er organisiert heute selbst Begegnungen in Hamburg - für Besucher, die die Stadt aus „hanseatischen Augen“ kennenlernen wollen, wie er sagt.

Seine Antwort auf die Frage, was ihn an Deutschland am meisten überrascht habe: dass die Menschen hier auch jenseits der 60 fröhlich sein können. Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Integration: dass aus Fremdheit irgendwann Vertrautheit wird. Und aus einem komplizierten Land langsam ein Zuhause.

Dieser Artikel erschien am Mittwoch, 27. Mai 2026, bei epd.

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