„Tatsächlich ist das fast schon systemisch“, sagt Kadir. Wenn er sich in neuen Zusammenhängen als gläubiger, queerer Mensch zu erkennen gibt, kommen über kurz oder lang Fragen, in denen seine Identität zur Debatte gestellt wird. Von religiöser Seite erlebt er Menschen, die ihm mit Bibel- oder Koranversen sein Queersein austreiben wollen. „Ich bin jetzt kein Objekt für einen Exorzismus“, stellt er klar.
In queeren Räumen begegnet ihm die umgekehrte Variante. „Bis hin zu O-Ton-Zitaten wie: ‘Kadir, du bist ja so intelligent, so belesen, aber religiös … Das ist deine Schwäche’“, erzählt er. Religiös zu sein, gilt einigen als Rückschritt. Viele verstehen sie nicht als Teil einer komplexen, menschlichen Identität.
Für Kadir war es ein Lernprozess, nicht jedes dieser zehrenden Gespräche mitzuführen. „Für mich steht nicht zur Diskussion, dass ich mich rechtfertige oder mir das absprechen lasse. Das, was an mir ist, muss ich nicht zur Debatte stellen“, sagt er. Heute prüft er genauer, ob echtes Interesse besteht oder ob er nur Projektionsfläche für ungelöste Konflikte anderer ist. Manchmal reicht ihm ein „Danke, dass du deine Meinung geäußert hast. Ich sehe das anders. Ciao.“