26.05.2026
Queere Ausstellung in St. Georg

Kadir Özdemir: „Ich bin queer, ich bin muslimisch, ich bin gläubig“

Schriftsteller Kadir Özdemir im Portrait

Glauben, Queerness und eine umgebungsgemachte Krise

Als queerer, gläubiger Mensch passt man für viele nicht ins Raster. Für Kadir Özdemir war genau das lange eine schmerzhafte Erfahrung. Er ist eines der Gesichter der Ausstellung „This is me. queer und religiös?“. Im Gespräch erzählt er, wie ihn sein Glaube durch eine Jugend voller Unsicherheit getragen hat – und warum es so wichtig ist, dass queere Religiosität mitten in Hamburg sichtbar wird.

Von Christian Schierwagen

Schon als Kind merkt Kadir Özdemir, dass er „ein bisschen anders“ ist als seine zwei älteren Brüder. Während sie mit den Jungs kicken, zieht es ihn eher zur „Girls-Mannschaft“ auf dem Schulhof. Eine Sache ist ihm früh bewusst: Er gehört irgendwie nicht dazu – und weiß zugleich, dass er dieses Gefühl besser für sich behält.

Aufwachsen wird er in einer Zeit ohne Internet, ohne Regenbogenflaggen an Rathäusern, ohne queere Vorbilder in den Medien. Wenn Homosexualität im Fernsehen vorkommt, dann als Skandal, moralische Warnung oder schlechter Witz. 

„Es war eine umgebungsgemachte Krise“

Die Pubertät macht das vage Gefühl vom Anderssein für ihn konkret: Kadir merkt, dass er Jungs spannender findet als Mädchen – in einer Umgebung, in der es kein queeres Zentrum gibt, keine Schulprojekte wie „SCHLAU“ und kaum einen sicheren Ort für das eigene Fragen. Ein Versuch, sich einem besten Freund anzuvertrauen, endet mit Distanz.

Kadir lernt an diesem Tag eine bittere Lektion: „Wenn ich das meinem damals besten Freund nicht erzählen kann, dann kann ich es niemandem erzählen.“ Nicht, weil mit ihm etwas nicht stimme, sondern weil die Umgebung sein Queersein nicht halten konnte. „Es war eine umgebungsgemachte Krise“, weiß er heute.

In dieser Phase wird der Glaube für Kadir zu einem Ort, an dem er sich nicht rechtfertigen muss. Er wächst in einer muslimischen Familie auf. „Die Beziehung zu Gott hat mich nie verlassen“, sagt er. Als er beginnt, an seiner Sexualität zu zweifeln, ist Gott der einzige Gesprächspartner, bei dem er sicher ist, dass er mit all seinen Fragen kommen darf.

„Wenn die Umgebung das nicht zulässt, dann verhandle ich das in meiner Beziehung zu Gott“, beschreibt das Kadir. Er sucht nach Führung, nach Kraft. Während die öffentliche Debatte von Angst vor HIV und AIDS und abwertenden Kommentaren geprägt ist, wird das Gebet für ihn zur Psychohygiene. „Mein Glaube konnte das, was meine Umgebung nicht konnte“, fasst er zusammen.

„Ich bin queer, ich bin muslimisch, ich bin gläubig“

Der Schriftsteller Kadir Özdemir
Queerness und Religiösität sind für Kadir keine Gegensätze.

Viele Jahre später steht Kadir vor der Kamera der Fotografin Ceren Saner. Sie porträtiert für die Ausstellung „This is me. queer und religiös?“ Menschen aus Judentum, Christentum, Islam und Buddhismus, die beides leben: ihre queere Identität und ihren Glauben. Die Ausstellung ist vom 25. Mai bis zum 5. Juli in der Hl. Dreieinigkeitskirche der Gemeinde St. Georg-Borgfelde zu sehen.

Für ihn selbst hat sich seit damals etwas Entscheidendes geklärt: „Ich habe mich damals bei dieser Ausstellung so bezeichnet und bezeichne mich weiterhin so: Ich bin queer, ich bin muslimisch, ich bin gläubig“, sagt er. Queerness und Religiosität sind für ihn keine Gegensätze, sondern „zwei selbstverständliche Teile der eigenen Identität“, wie es auch im Ausstellungsmagazin heißt.

Doch genau diese Selbstverständlichkeit wird ihm außerhalb dieses geschützten Rahmens bis heute oft abgesprochen – von religiöser Seite wie aus der queeren Szene.

Doppeldruck: „Kein Bedarf für einen Exorzismus“

„Tatsächlich ist das fast schon systemisch“, sagt Kadir. Wenn er sich in neuen Zusammenhängen als gläubiger, queerer Mensch zu erkennen gibt, kommen über kurz oder lang Fragen, in denen seine Identität zur Debatte gestellt wird. Von religiöser Seite erlebt er Menschen, die ihm mit Bibel- oder Koranversen sein Queersein austreiben wollen. „Ich bin jetzt kein Objekt für einen Exorzismus“, stellt er klar.

In queeren Räumen begegnet ihm die umgekehrte Variante. „Bis hin zu O-Ton-Zitaten wie: ‘Kadir, du bist ja so intelligent, so belesen, aber religiös … Das ist deine Schwäche’“, erzählt er. Religiös zu sein, gilt einigen als Rückschritt. Viele verstehen sie nicht als Teil einer komplexen, menschlichen Identität.

Für Kadir war es ein Lernprozess, nicht jedes dieser zehrenden Gespräche mitzuführen. „Für mich steht nicht zur Diskussion, dass ich mich rechtfertige oder mir das absprechen lasse. Das, was an mir ist, muss ich nicht zur Debatte stellen“, sagt er. Heute prüft er genauer, ob echtes Interesse besteht oder ob er nur Projektionsfläche für ungelöste Konflikte anderer ist. Manchmal reicht ihm ein „Danke, dass du deine Meinung geäußert hast. Ich sehe das anders. Ciao.“

„Das ist gesellschaftliche Care-Arbeit“

Der Schriftsteller Kadir Özdemir
Immer wieder muss Kadir im Alltag erklären, was es heißt, queer und religiös zu sein.

Was viele nicht sehen: Allein die Tatsache, dass queere Menschen von ihrem Alltag erzählen, ist bereits politisch. Kadir beschreibt es im Gespräch als „gesellschaftliche Care-Arbeit“. Ob auf im Beruf, wenn Kolleg*innen intime Fragen zu seiner Beziehung stellen, oder in Workshops mit Jugendlichen – immer wieder erklärt er, was es heißt, queer und religiös zu sein, und wie sich Diskriminierung anfühlt.

„Unser Privates ist nicht nur ein biografisches Erzählen, sondern dadurch, dass es von so vielen Ideologien und Denkrichtungen umgeben ist, ist selbst das private Erzählen politisch“, sagt er. Diese Erfahrung bringt er auch in seine Arbeit mit ein: Er engagiert sich in der Aufklärungsarbeit, besonders an Schulen, oft gemeinsam mit queeren Menschen mit unterschiedlichen Migrations- und Religionsbezügen.

Die Reaktionen sind für ihn ermutigend: Viele Schüler*innen hören zum ersten Mal, dass es queere Muslime, Jüdinnen oder Christinnen gibt, und stellen neugierig Fragen. „Das kommt super an“, berichtet Kadir. 

Sichtbar in St. Georg: „Nicht verstecken, sondern repräsentieren“

In der Dreieinigkeitskirche St. Georg/Borgfelde ist Kadirs Porträt ab dem 25. Mai Teil einer sechswöchigen Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe. Unter dem Titel „This is me. queer und religiös?“ zeigt sie Geschichten von Menschen, die beten und lieben, Torah lesen und trans* sind, als lesbisches Paar in der Moschee willkommen sind – Menschen, die ihren Glauben nicht trotz, sondern mit ihrer queeren Identität leben.

Gerade in St. Georg, wo queeres Leben und religiöse Vielfalt so dicht beieinander liegen wie kaum anderswo in Hamburg, ist das für Kadir ein starkes Zeichen. „Es ist wichtig, auch innerhalb des queeren Spektrums Religiosität zu zeigen“, sagt er. Die queere Community und religiöse Institutionen seien historisch gewachsen auseinandergegangen. Umso wichtiger sei es, heute Räume zu schaffen, in denen queere Religiosität nicht angegriffen, sondern selbstverständlich gelebt werden kann.

Politische und sichtbare Signale

Für ihn geht es dabei nicht nur um theologische Debatten, sondern auch um politische Signale. „Ich bin queer, ich bin religiös, ich bin migrantisch gelesen und ich arbeite mit marginalisierten Gruppen“, sagt Kadir. In einer Zeit, in der Sonntagsumfragen rechtspopulistischen Parteien hohe Zustimmungswerte bescheinigen, sei es wichtig, sich gerade an den Schnittstellen von Diskriminierung nicht zu verstecken. „Sichtbarkeit hilft. Sich in der Intersektion jetzt nicht zu verstecken, sondern in die Repräsentanz zu gehen und das zu wagen, ist wichtig.“

Dass die Evangelische Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde ihre Kirche für diese Spannungsfelder öffnet, ist für ihn ein wichtiges Signal – nach innen wie nach außen. Für ihn zeigt es, dass ein queer-religiöses Leben nicht mehr nur im Verborgenen stattfinden muss, sondern mitten in Hamburg: sichtbar und hoffnungsvoll.

Die Ausstellung „This is me – queer und religiös?" (vom 25. Mai bis 5. Juli 2026) gibt queeren und religiösen Menschen Raum und Gesicht. Fotografin Ceren Saner porträtiert Menschen aus Judentum, Christentum, Islam und Budismus – Menschen, die zeigen: Gott liebt mich, so wie ich bin.

Über die Ausstellung hinaus gibt es eine Vielzahl von weiteren Veranstaltungen, unter anderem:

  • Samstag, 30. Mai: Theateraufführung “Holy Homophobia?!”
  • Mittwoch, 10. Juni: Interreligiöse Podiumsdiskussion
  • Mittwoch, 24. Juni: Forschungsabend: Queer und Religiös

Alle Termine und Veranstaltungen finden Sie auf der Webseite der Gemeinde St. Georg-Bordfelde.

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