22.01.2026
Gesellschaft

„Frauen sterben für das Recht, den Wind in den Haaren zu spüren“

Ein Mann sitzt in einem Kinosaal auf einem roten Sessel

„Angst gehört nicht zu meinem Repertoire" – Michel Abdollahi im Interview

Nachts Nachrichten aus dem Iran, morgens Alltag in Hamburg: Der Hamburger Künstler und Moderator Michel Abdollahi erzählt, wie lebensgefährlich der Freiheitskampf im Iran ist – und warum „Hoffnung Disziplin“ bedeutet.

Von Lale Raun

Zwischen Hamburg und Iran: Michel Abdollahi über Protest, Angst und Hoffnung

Michel Abdollahi ist ein deutsch-iranischer Journalist, Fernsehmoderator und Künstler. Geboren 1981 in Teheran, wuchs er seit seiner Kindheit in Hamburg auf. Er studierte Jura und Islamwissenschaft an der Universität Hamburg und war zeitweise in der Hamburger Senatskanzlei tätig. Heute ist er vor allem durch seine Arbeit im Fernsehen sowie als Performancekünstler, Poetry-Slammer und Maler bekannt und beschäftigt sich in vielen seiner Projekte mit gesellschaftlichen und politischen Themen.

Lale Raun: Herr Abdollahi, wie geht es aktuell Ihren Verwandten und Freunden im Iran?

Michel Abdollahi: Ihnen geht es, wie es Menschen in einer Geiselhaft geht: Sie funktionieren. Ein Freund sagte mir neulich am Telefon: „Wir haben keine Angst mehr vor dem Tod, wir haben nur Angst davor, dass alles umsonst war.“ Wenn du beim Brötchenkaufen überlegen musst, ob dein Instagram-Post von gestern dich heute den Kopf kostet, dann ist „gut“ keine Vokabel mehr, die existiert. 

Raun: Gegen welche politischen und religiösen Machtstrukturen richten sich die Proteste – und was wird in Deutschland daran oft missverstanden?  

Abdollahi: Sie richten sich gegen eine Theokratie, die Gott als Türsteher für ihre Folterkammern missbraucht. In Deutschland verstehen viele nicht, dass es hier nicht um „ein bisschen mehr Freiheit“ geht, sondern um die Abschaffung eines Systems, das die Existenzberechtigung aus der Unterdrückung zieht. Wir diskutieren hier über Kopftuchverbote, dort sterben Frauen für das Recht, den Wind in den Haaren zu spüren. Das ist kein Kulturkonflikt, das ist ein Überlebenskampf gegen den Faschismus im religiösen Gewand. 

Raun: Es gab im Iran schon mehrere Protestwellen in den letzten 45 Jahren. Was unterscheidet die aktuellen Proteste von früheren – in Auslösern, Breite, Mut oder Zielen?  

Abdollahi: Früher hieß es: „Wo ist meine Stimme?“ Heute heißt es: „Wir wollen euch nicht mehr.“ Die Angst ist verdampft. Wenn eine 16-Jährige ohne Schleier vor bewaffneten Milizen steht, ist das kein politischer Protest mehr – das ist eine evolutionäre Verweigerung. Die Breite ist total; vom Arbeiter in der Ölindustrie bis zur Studentin in Teheran. 

„Wir reden von hingerichteten Träumen“

Raun: Was hören Sie aus iranischen Quellen über die aktuellen Todeszahlen im Zusammenhang mit den Protesten?  

Abdollahi: Die offiziellen Zahlen sind eine Verhöhnung der Opfer. Wir reden nicht von Statistik, wir reden von hingerichteten Träumen. Jede Zahl, die wir hier hören, muss man mit dem Faktor der Dunkelziffer und der Grausamkeit multiplizieren. 

Raun: 2022 starb Jina Mahsa Amini – daraufhin gab es massive Proteste durch Frauen. Inwiefern ist die jetzige Situation aus ihrer Sicht auch eine Revolution der Frauen?  

Abdollahi: Sie ist wahrscheinlich die erste feministische Revolution der Weltgeschichte, die von Männern solidarisch mitgetragen wird. Das Patriarchat ist das Fundament der Mullahs. Wer das Kopftuch angreift, zieht den Ziegelstein aus der Mauer, der das ganze verdammte Gebäude zum Einsturz bringt. 

„Kollektive Schizophrenie zwischen Alstertal und Evin-Gefängnis“

Raun: Welche Rolle spielt die Diaspora aktuell – für Sichtbarkeit, Unterstützung, aber auch für die öffentliche Wahrnehmung hier?  

Abdollahi: Wir sind das Megafon. Ohne die Diaspora wäre es im Iran längst wieder dunkel und still. Aber wir müssen aufpassen, dass wir uns hier nicht in Grabenkämpfen zerfleischen, während dort die Menschen am Galgen hängen. Unsere Aufgabe ist Nervensägen-Diplomatie: Den Politikern hier so lange auf die Füße treten, bis sie handeln. Und das klappt diesmal erstaunlich gut. Die Diaspora steht geschlossen hinter den Menschen im Iran. Das ist neu. 

Raun: Wie präsent ist die Angst, dass öffentliches Engagement in Deutschland Konsequenzen haben könnte?  

Abdollahi: Angst gehört nicht zu meinem Repertoire.  

Raun: Wie erleben Menschen mit iranischen Wurzeln (in Hamburg) diese Zeit gerade?  

Abdollahi: Als permanente Schlaflosigkeit. Man scrollt nachts durch Telegram-Kanäle, sieht Leichen, sieht Mut, sieht Hoffnung und muss am nächsten Morgen in Hamburg-Eppendorf so tun, als wäre man ganz normaler Teil der Leistungsgesellschaft. Es ist eine kollektive Schizophrenie zwischen Alstertal und Evin-Gefängnis. 

Raun: Viele Menschen hier fühlen sich in den Polykrisen ausgelaugt. Was lernen Sie von den Protestierenden im Iran über Widerstandskraft und Hoffnung – trotz großer Gefahr?  

Abdollahi: Dass Privilegierte kein Recht auf Burnout haben, solange Menschen ohne alles für alles kämpfen. Widerstandskraft ist kein Wellness-Zustand, sondern eine Entscheidung. Die Iraner lehren uns: Hoffnung ist kein Gefühl, Hoffnung ist Disziplin. 

„Diese Respektlosigkeit gegenüber der Tyrannei ist die schönste Form der Freiheit.“

Raun: Viele Leser*innen fragen sich: Was kann ich konkret tun, um Menschen mit iranischen Wurzeln nicht allein zu lassen? Was würden Sie ihnen raten – im Alltag, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde?  

Abdollahi: Fragt nicht: „Wie geht’s?“ – das ist zu groß. Fragt: „Ich sehe, was passiert, willst du drüber reden?“ Seid Zeugen. Teilt die Infos. Und wenn ihr iranische Nachbarn habt: Ladet sie auf einen Tee ein und zeigt ihnen, dass ihr Schmerz hier einen Platz hat. Ignoranz ist das zweite Gefängnis.  

Raun: Was gibt Ihnen persönlich Hoffnung, wenn Sie auf die Lage im Iran schauen? Gibt es Sätze, Gesten oder Bilder, an denen Sie sich festhalten?  

Abdollahi: Das Bild der Mädchen, die in den Klassenzimmern ihre Kopftücher schwenken und den Porträts der Ayatollahs den Rücken kehren. Diese Respektlosigkeit gegenüber der Tyrannei ist die schönste Form der Freiheit. 

Raun: Was wünschen Sie sich von Kirchen und anderen religiösen Communities in Hamburg im Blick auf den Iran – jenseits von symbolischen Statements?  

Abdollahi: Dass sie aufhören, den interreligiösen Dialog mit Vertretern des Regimes als Erfolg zu verkaufen. Man dialogisiert nicht mit Mördern. Ich wünsche mir eine klare theologische Kante: Wer Gott nutzt, um Menschen zu hängen, hat jedes Recht verwirkt, als religiöser Partner zu gelten. Kirchen müssen Schutzräume für die sein, die vor dieser Pseudo-Religion fliehen. Islam ist Frieden, die islamische Republik ist Terror.

Raun: Wie verändert diese Situation Ihre eigene Arbeit hier – als Künstler, Journalist, Aktivist? 

Abdollahi: Die Ironie und die leichte Muse fühlen sich manchmal schal an. Ich merke, dass ich keine Lust mehr auf diplomatische Floskeln habe. Meine Arbeit ist lauter geworden, vielleicht auch kompromissloser. Wenn die Welt brennt, reicht es nicht, das Feuer nur moderat zu beschreiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

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