26.02.2026
Equal Pay Day

Landespastorin Annika Woydack über faire Bezahlung und stille Armut

Landespastorin Annika Woydack über faire Bezahlung und stille Armut

Equal Pay Day: Wenn Arbeit nicht zum Leben reicht

Heute ist Equal Pay Day: Frauen arbeiten statistisch seit Jahresbeginn ohne Lohn. Landespastorin Annika Woydack spricht darüber, warum das vor allem alleinerziehende Mütter trifft – und was Kirche und Diakonie dagegen setzen.

Heute, am 27. Februar, werden Frauen in Deutschland zum ersten Mal in diesem Jahr für ihre Arbeit bezahlt: Der Equal Pay Day steht für den Tag im Kalenderjahr, bis zu dem Frauen theoretisch unbezahlt arbeiten.

Aktuell beträgt die Lücke zwischen den durchschnittlichen Brutto‑Stundenlöhnen von Frauen und Männern 16 Prozent, in Hamburg sind es sogar 18 Prozent beim sogenannten „unbereinigten Gender‑Pay‑Gap“. Das ist ein Unterschied von 5,15 Euro pro Stunde

Annika Woydack, die Landespastorin und Vorstandsvorsitzende der Diakonie Hamburg, vertritt seit Jahren Themen wie Frauenrechte, Armut und soziale Gerechtigkeit in der Hansestadt. Im Interview sprachen wir mit ihr darüber, wie sich die Lohnlücke konkret in Hamburg auswirkt, warum Alleinerziehende besonders unter Druck stehen und welche Verantwortung Kirche und Diakonie haben.

Alleinerziehende tragen die Hauptlast

Christian Schierwagen: Frau Woydack, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie den Begriff „Equal Pay“ hören – welche Lebenssituation von Frauen in Hamburg sehen Sie vor Augen?

Annika Woydack: Als erstes kommen mir vor allem alleinerziehende Mütter in den Sinn, bei denen das Geld am Ende des Monats nicht reicht, selbst, wenn sie in Vollzeit arbeiten. Denn das ist leider eine Realität, die viele von ihnen betrifft.

Laut Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands war das Armutsrisiko 2024 auf einem Höchststand – besonders von Armut bedroht sind in Hamburg Erwerbslose (53,5 Prozent) und Alleinerziehende (42,6 Prozent).

Schierwagen: In Ihrer Arbeit begegnen Ihnen Frauen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen. Was hat Sie in den letzten Monaten beim Blick auf Armut und Ungleichheit besonders bewegt?

Woydack: Mich haben vor allem Geschichten betroffen gemacht, die ich von Kolleg*innen innerhalb der Diakonie erfuhr. Dazu gehört die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung, in der sich immer wieder zeigt, wie kompliziert solche Situationen sind.

Ich meine damit schwangere Frauen, die Beratung erbitten, weil sie am Arbeitsplatz unter Druck gesetzt werden zu kündigen. Rechtlich darf ein Arbeitgeber das nicht, praktisch erleben wir aber, wie viel Druck je nach Situation und Umfeld ausgeübt werden kann.

Mir fällt es auch in Bewerbungsgesprächen auf: Frauen erzählen von sich aus, wie gut sie Job und Kind vereinbaren könnten – danach habe ich gar nicht gefragt. Mein Mann und ich haben beide im Lebenslauf stehen: „verheiratet, zwei Kinder“. Wir sind beide in Leitungspositionen. Er wurde noch nie gefragt, wie er Job und Kinder verbindet – ich sehr wohl.

Was ich damit sagen will: Wir müssen als Gesamtgesellschaft auf unsere Rollenbilder schauen. Wie sind wir aufgestellt? Wie können wir in der Vielfalt der Geschlechter gemeinsam unser Rollenverständnis verändern? Dafür brauchen wir starke Frauen – und Männer –, die zusammen daran arbeiten.

Schierwagen: Unter anderem die Diakonie spricht von einer wachsenden Kluft zwischen Armut und Reichtum in einer der reichsten Städte Europas. Wo sehen Sie hier die besondere Betroffenheit von Frauen?

Woydack: Wir sehen im Armutsbericht: Alleinerziehende Mütter sind besonders betroffen. Es ist eine stille Armut, weil Frauen oft im Hintergrund versuchen, ihre Situation irgendwie zu meistern. Doch das Geld reicht schlicht nicht für soziale Teilhabe – weder für die Mutter noch für das Kind.

Hinzu kommt die stark angespannte Wohnungssituation in Hamburg. Das betrifft uns als Diakonie gerade sehr konkret: Wir haben etwa als Träger eines Frauenhauses große Schwierigkeiten damit, Frauen in eigenen Wohnraum vermitteln zu können. Einfach, weil es keine Wohnungen gibt. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema: Wie können wir bezahlbaren Wohnraum in Hamburg schaffen? 

Schierwagen: In Hamburg sind mehr als 20 Prozent der Menschen von Armut betroffen. Was bedeutet das für Frauen, die ohnehin schlechter verdienen und häufiger in Teilzeit arbeiten?

Woydack: Wenn Frauen den Großteil der unbezahlten Care‑Arbeit leisten und gleichzeitig weniger verdienen, führt das zusätzlich zum „Gender Pension Gap“, also einer großen Rentenlücke. Viele Frauen schlittern trotz Arbeit über kurz oder lang in Altersarmut.

Unser Steuersystem bei Ehen begünstigt das: Da die Frau oft weniger verdient als der Mann, ist es finanziell nahe­liegend, dass sie in Teilzeit geht. Es gibt kaum Anreize, es anders zu machen.

Teilzeit ist kein Lifestyle – sondern oft Notwendigkeit

Das Thema Teilzeit ist auch bei uns in der Diakonie weit verbreitet – aus unterschiedlichen Gründen. Gerade in der Pflege arbeiten viele Frauen, die zusätzlich einen Großteil der unbezahlten Care‑Arbeit leisten und deshalb gar nicht 100 Prozent arbeiten können oder wollen.

Gleichzeitig gibt es Kolleg*innen, zum Beispiel in Pflegeberufen, die sagen: „Ich mache den Job gerne, aber 100 Prozent sind zu anstrengend, ich arbeite lieber 80 Prozent und bleibe gesund.“ Das sollten wir wertschätzen, denn Pflege ist körperlich wie seelisch extrem belastend. Da von einem „Teilzeit‑Lifestyle“ zu sprechen, geht völlig an der Realität vorbei.

Equal Pay heißt mehr als ein fairer Lohnzettel

Schierwagen: Wovon reden wir eigentlich, wenn wir von „Equal Pay“ reden? Von einem Lohnzettel oder etwas anderem?

Woydack: Es geht natürlich um Wertschätzung, und die drückt sich auch im Lohn aus. Aber sie zeigt sich genauso in der gesellschaftlichen Akzeptanz. Da hat sich in den letzten Jahren etwas bewegt: Die Tarifsteigerungen im Pflegebereich waren enorm, dort ist inzwischen ein bisschen mehr Wertschätzung spürbar. Trotzdem ist da noch lange nicht „alles gut“. Wir müssen weiter in diese Berufe investieren, weil wir sie dringend brauchen – und die Fachkräfte, die sie ausüben.

Schierwagen: Wie können Kirche und Diakonie bei solchen Themen helfen?

Woydack: Zunächst zahlen wir nach Tarif – das macht die Bezahlung geschlechtsunabhängig und transparent. Das ist wichtig, weil wir damit nach innen eine klare Haltung zu Equal Pay haben, die wir nach außen vertreten können.

Wir als Diakonie sind eine starke Stimme gegenüber Stadt und Gesellschaft. Wir sehen es als unsere Aufgabe, Positionen sichtbar zu machen, die sonst untergehen – etwa die Situation von Alleinerziehenden, von Frauen in Sorge‑ und Pflegearbeit oder von Menschen mit sehr niedrigen Einkommen.

Schierwagen: Nun haben wir viel über Probleme und Herausforderungen gesprochen. Wo sehen Sie ermutigende Beispiele?

Woydack: Beim Thema „Frauen in Führung“ sind wir in meinen Augen bei der Diakonie in Hamburg gut unterwegs: Beide Agaplesion‑Krankenhäuser werden von Frauen geleitet, in den Vorständen – etwa der Evangelischen Stiftung Alsterdorf oder der Pestalozzi‑Stiftung – sind immer mehr Frauen, und auch in den Aufsichtsräten tut sich etwas.

Da ist noch viel Luft nach oben, und wir dürfen uns nicht auf Erfolgen ausruhen. Aber ich bin überzeugt: Jedes Unternehmen, das Geschlechtervielfalt auf allen Ebenen im Blick behält, wird langfristig erfolgreicher sein.

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