Schierwagen: In Ihrer Arbeit begegnen Ihnen Frauen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen. Was hat Sie in den letzten Monaten beim Blick auf Armut und Ungleichheit besonders bewegt?
Woydack: Mich haben vor allem Geschichten betroffen gemacht, die ich von Kolleg*innen innerhalb der Diakonie erfuhr. Dazu gehört die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung, in der sich immer wieder zeigt, wie kompliziert solche Situationen sind.
Ich meine damit schwangere Frauen, die Beratung erbitten, weil sie am Arbeitsplatz unter Druck gesetzt werden zu kündigen. Rechtlich darf ein Arbeitgeber das nicht, praktisch erleben wir aber, wie viel Druck je nach Situation und Umfeld ausgeübt werden kann.
Mir fällt es auch in Bewerbungsgesprächen auf: Frauen erzählen von sich aus, wie gut sie Job und Kind vereinbaren könnten – danach habe ich gar nicht gefragt. Mein Mann und ich haben beide im Lebenslauf stehen: „verheiratet, zwei Kinder“. Wir sind beide in Leitungspositionen. Er wurde noch nie gefragt, wie er Job und Kinder verbindet – ich sehr wohl.
Was ich damit sagen will: Wir müssen als Gesamtgesellschaft auf unsere Rollenbilder schauen. Wie sind wir aufgestellt? Wie können wir in der Vielfalt der Geschlechter gemeinsam unser Rollenverständnis verändern? Dafür brauchen wir starke Frauen – und Männer –, die zusammen daran arbeiten.
Schierwagen: Unter anderem die Diakonie spricht von einer wachsenden Kluft zwischen Armut und Reichtum in einer der reichsten Städte Europas. Wo sehen Sie hier die besondere Betroffenheit von Frauen?
Woydack: Wir sehen im Armutsbericht: Alleinerziehende Mütter sind besonders betroffen. Es ist eine stille Armut, weil Frauen oft im Hintergrund versuchen, ihre Situation irgendwie zu meistern. Doch das Geld reicht schlicht nicht für soziale Teilhabe – weder für die Mutter noch für das Kind.
Hinzu kommt die stark angespannte Wohnungssituation in Hamburg. Das betrifft uns als Diakonie gerade sehr konkret: Wir haben etwa als Träger eines Frauenhauses große Schwierigkeiten damit, Frauen in eigenen Wohnraum vermitteln zu können. Einfach, weil es keine Wohnungen gibt. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema: Wie können wir bezahlbaren Wohnraum in Hamburg schaffen?
Schierwagen: In Hamburg sind mehr als 20 Prozent der Menschen von Armut betroffen. Was bedeutet das für Frauen, die ohnehin schlechter verdienen und häufiger in Teilzeit arbeiten?
Woydack: Wenn Frauen den Großteil der unbezahlten Care‑Arbeit leisten und gleichzeitig weniger verdienen, führt das zusätzlich zum „Gender Pension Gap“, also einer großen Rentenlücke. Viele Frauen schlittern trotz Arbeit über kurz oder lang in Altersarmut.
Unser Steuersystem bei Ehen begünstigt das: Da die Frau oft weniger verdient als der Mann, ist es finanziell naheliegend, dass sie in Teilzeit geht. Es gibt kaum Anreize, es anders zu machen.