05.03.2026
8. März

Weltfrauentag: „Wir sind als christliche Kirche auch Systemkritikerin“

Drei Frauen stehen nebeneinander und lächeln in die Kamera

„Wir wollen keine Blumen, wir wollen Veränderung“

Seit mehr als 100 Jahren ist der Weltfrauentag ein feministischer Kampftag – nicht für Pralinen, sondern für Rechte, Gerechtigkeit und sichere Arbeit. Wir sprachen mit drei Teilnehmerinnen darüber, warum sie am 8. März auf die Straße gehen.

Von Christian Schierwagen

Über ein Jahrhundert schon gehen Frauen und Mädchen für ihre Rechte auf die Straße – und wünschen sich keine Blumen und Pralinen, sondern strukturelle Veränderungen und Gerechtigkeit. Unter anderem das Frauenwerk Hamburg‑West/Südholstein wird am kommenden 8. März demonstrieren und dabei auch auf die Kampagne für Saubere Kleidung aufmerksam machen.

Im Gespräch erzählen die Ehrenamtlichen Sinje und Hannah sowie Kelly Thomsen, Referentin des Frauenwerks, warum sie vom „feministischen Kampftag“ sprechen, wie eng Schönheitsideale, Modeindustrie und Ausbeutung zusammenhängen – und weshalb Kirche aus ihrer Sicht selbstverständlich systemkritisch sein muss.

Feministischer Kampftag statt „Blumen Tag“

Christian Schierwagen: Was bedeutet Ihnen der Weltfrauentag persönlich?

Sinje: Ich nenne ihn erst einmal nicht Weltfrauentag, sondern entweder feministischen Kampftag oder Welt‑FLINTA‑Tag. FLINTA steht für Frauen, Lesben, inter, nicht‑binäre, trans und agender Personen. Für mich hat der Tag an sich gar keine so große Bedeutung mehr, weil jeder einzelne Tag wichtig ist, um für die eigenen Rechte einzustehen.

Auf der Demonstration entsteht für mich aber ein starkes Gemeinschaftsgefühl und Verbundenheit: Man merkt, dass man mit den Themen nicht allein ist, kann sich vernetzen und Energie sammeln für die 364 anderen Kampftage des Jahres.

FLINTA ist eine Abkürzung für Frauen, Lesben, inter, nicht‑binäre, trans und agender Personen.

Der Begriff bündelt also Menschen, die nicht cis‑männlich sind und in patriarchalen Strukturen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität Diskriminierung erleben. Er wird häufig genutzt, um deutlich zu machen, für wen bestimmte Räume oder Veranstaltungen gedacht sind – etwa „FLINTA‑only“-Demos oder Schutzräume, in denen sich Betroffene ohne cis‑männlich dominierte Dynamiken austauschen und stärken können.

Kelly: Auch wenn es nicht umsonst den Spruch gibt „8. März ist jeden Tag“, finde ich diesen Tag wichtig als institutionellen Impuls. Er schafft Aufmerksamkeit für ein Problem, über das wir immer noch viel zu wenig sprechen und das in meinen Augen nicht ernst genug genommen wird. Deswegen sollte man jeden Anlass nutzen, der sich bietet.

Schierwagen: Mögen Sie den Begriff „Kampftag“ in dem Kontext erklären?

Kelly: Der Weltfrauentag wird gerne so dargestellt, als ginge es darum, Müttern einmal im Jahr für ihre Arbeit im Haushalt zu danken. Dabei ist es ein politischer Tag, der im selben Rahmen stattfindet wie der 1. Mai: ein Kampftag für bessere Bedingungen und Veränderungen – kein Tag, an dem wir Blumen geschenkt bekommen. Wir wollen keine reine Dankbarkeit, sondern systemische Veränderung. Daher passt „feministischer Kampftag“ für viele auch besser.

Hannah: Ich finde den Gedanken der Abgegoltenheit im Zusammenhang mit Geschenken an diesem Tag schwierig. Nach dem Motto: „Wir haben euch doch jetzt etwas zurückgezahlt, deswegen ist es in Ordnung, dass wir euch den Rest des Jahres unterdrücken.“ Diese Unterdrückungen sind aber systemisch und wirken sich auf das Berufliche wie auf das Private aus. Es ist ein Ganzjahresproblem – und es ist wichtig, das anzuerkennen.

Weltfrauentag und globale Lieferketten: Warum unsere Kleidung ein Thema ist

Schierwagen: Zum Weltfrauentag rücken die Arbeitsrechte von Frauen in der globalen Lieferkette mit in den Mittelpunkt. Warum gehört dieses Thema aus Ihrer Sicht unbedingt auf die Agenda des 8. März?

Kelly: Grundsätzlich – und darauf wollen wir immer hinweisen – wirken Kapitalismus, Patriarchat und verschiedene Ausbeutungsstrukturen zusammen. Darauf basiert unsere globalisierte Welt. Man kann sexistische Ausbeutung nicht isoliert betrachten, weil in diesem System alles zusammengehört und sich gegenseitig verstärkt.

Deswegen ist es so wichtig, die Dinge intersektional und global zu denken – also mitzudenken, wie sich unterschiedliche Diskriminierungsformen überschneiden und wen sie besonders hart treffen. In puncto Kleidung betrifft uns das alle ganz direkt: Jede Person trägt Kleidung und ist damit Teil dieses Systems. Wo wurde mein Oberteil genäht? Wer ist alles Teil der Lieferkette? Diese Fragen können wir uns wortwörtlich nicht vom Hals halten – denn wir tragen sie.

Hannah: Man muss sich klarmachen: Der absolute Großteil unserer Kleidung wurde von Menschen in der Hand gehalten. Wir reden nicht von einer hoch automatisierten Produktion, sondern von schätzungsweise 75 Millionen Arbeiter*innen in der Textil‑ und Bekleidungsindustrie, zu etwa 70 Prozent weiblich.

Sinje: Gleichzeitig stehen FLINTA‑Personen bei uns unter Druck, bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen – wie man sich präsentieren, aussehen und kleiden soll, um in der Arbeitswelt oder anderen Alltagssituationen ernst genommen zu werden. Und an einem anderen Ort der Welt arbeiten Menschen unter prekären Bedingungen, um genau diese Kleidung herzustellen. All das hängt zusammen.

Die „Kampagne für Saubere Kleidung“ ist ein internationales Netzwerk von NGOs, Gewerkschaften und kirchlichen Gruppen, das sich für die Rechte von Textilarbeiterinnen weltweit einsetzt. 

Sie kämpft für existenzsichernde Löhne, sichere Arbeitsbedingungen, gewerkschaftliche Rechte und gegen Ausbeutung, Kinder- und Zwangsarbeit in der globalen Bekleidungsindustrie. Dazu macht sie Missstände in Lieferketten öffentlich, informiert Konsumentinnen, unterstützt Arbeiterorganisationen vor Ort und übt Druck auf Modeunternehmen und Politik aus, damit verbindliche Regeln und Kontrollen eingeführt werden.

 

 

Wenn zwei Prozent Lohnkosten ein ganzes Leben bestimmen

Schierwagen: Welche Geschichten oder Zahlen haben Sie besonders aufgerüttelt beim Thema prekäre Arbeitsbedingungen ohne existenzsichernden Lohn?

Hannah: Ein bis drei Prozent des Endpreises eines Kleidungsstücks machen gerade einmal die Lohnkosten aus. Das steht in keinem Verhältnis zu den Ressourcen und zur Arbeit der Person, die es hergestellt hat. Ich finde es unvorstellbar, dass irgendjemand diesen Umstand als fair bezeichnen kann.

Sinje: Mich hat das Rana‑Plaza‑Unglück sehr beschäftigt. Ich hatte mich schon vorher mit dem Thema auseinandergesetzt, aber dieses Unglück hat mir die Tragweite noch einmal deutlich vor Augen geführt. Bis heute gibt es diesen Teufelskreis: sehr lange Arbeitstage mit sehr schlechtem Lohn, die zu immer mehr Überstunden führen, damit Menschen ihre Existenz überhaupt noch sichern können.

  • Am 24. April 2013 stürzte das achtstöckige Geschäftsgebäude „Rana Plaza“ in Savar, nahe Dhaka in Bangladesch, in sich zusammen.
  • In dem Gebäude arbeiteten mehrere Bekleidungsfabriken, außerdem gab es Läden und eine Bank.
  • Am Vortag waren große Risse im Gebäude entdeckt worden, Bank und Geschäfte schlossen, doch die Leitung der Textilfabriken ließ die Beschäftigten am nächsten Morgen trotzdem wieder arbeiten, teils unter Androhung von Lohnabzügen.
  • Beim Einsturz kamen mindestens 1.129 ums Leben, mehr als 2.500 wurden verletzt.
  • Die meisten Opfer waren Textilarbeiterinnen, viele weitere Menschen wurden dauerhaft körperlich oder psychisch beeinträchtigt.
  • Der Einsturz gilt als die tödlichste Katastrophe in der Geschichte der Bekleidungsindustrie und eine der schlimmsten Gebäudeeinstürze in Friedenszeiten überhaupt.

Kelly: Und das steht im krassen Gegensatz zu den Profiten, die große Modeunternehmen einfahren. Sie werden immer größer und kommen sogar gut durch Krisen wie zuletzt die Corona‑Pandemie. Grundsätzlich kennen wir alle diese Problematik – trotzdem ändert sich zu wenig, weil sich kaum jemand verantwortlich fühlt. Dass solche Unternehmen faire Löhne zahlen, sollte eigentlich das absolute Minimum sein.

„Christliche Kirche ist auch Systemkritikerin“

Schierwagen: Das Frauenwerk arbeitet feministisch, theologisch und politisch. Wie würden Sie jemandem erklären, warum eine kirchliche Einrichtung bei so „weltlichen“ Themen mitmischt?

Kelly: Es geht hier um Menschenrechte. Das ist in meinen Augen das Uranliegen der Kirche, da muss sie natürlich mitmischen. Wir sprechen über einen Querschnitt relevanter gesellschaftlicher Themen – über Kapitalismuskritik, Systemkritik. Es geht um die grundsätzlichen Fragen: Wer wird wo ausgebeutet? Und was können wir daran ändern?

So verstehe ich christliche Kirche: Wir sind Systemkritiker*innen.

Hannah: An der Stelle zitiere ich Carol Hanisch: „Das Private ist politisch“, und das trifft es sehr gut. Nichts ist unpolitisch. Ähnlich ist es bei der Debatte über Sportevents, die angeblich nicht politisch sein dürfen – das finde ich wirklich absurd. Bei der Frage nach einer politischen Kirche muss man sich ebenfalls fragen: Wer versucht hier gerade, das Politische unsichtbar zu machen – und aus welchen Gründen?

Kelly: Kirche ist schließlich eine mächtige Institution und trägt allein deswegen Verantwortung, der wir gerecht werden müssen. Als Kirche tragen wir ein System mit, wir sind Teil davon. Umso wichtiger ist es, dass wir uns kritisch damit auseinandersetzen und hinschauen, wo es unangenehm wird.

Weltfrauentag leben – nicht nur am 8. März

Schierwagen: Was wünschen Sie sich von Kirchengemeinden, Gruppen und Initiativen rund um den 8. März? Wie können sie den Tag jenseits seines Datums mit Leben füllen?

Sinje: Wichtig ist, mehr Sichtbarkeit an allen anderen Tagen zu schaffen und das Engagement nicht nur auf diesen einen Tag auszulagern. Und es darf nicht an eine bestimmte Personengruppe delegiert werden: Nicht nur FLINTA‑Personen sind hier verantwortlich, auch Männer. Gerade Menschen in privilegierten Positionen können oft am leichtesten etwas ändern.

Von daher braucht es alle Perspektiven – und es geht nur gemeinsam.

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