20.01.2026
Friedensdenkschrift

Gerechter Friede in einer Welt voller Krisen

Die St. Nikolai bei der Podiumsdiskussion zur Friedensethik.

Friedensdenkschrift im Stresstest der Gegenwart

In St. Nikolai diskutieren Bischöfin Kirsten Fehrs, Wissenschaftler*innen und ein Bundeswehr-Kommandeur, wie die neue Friedensdenkschrift der EKD Impulse zum Nachdenken gibt: zwischen Pazifismus, Schutzpflicht und rechtserhaltender Gewalt.

Von Christian Schierwagen

Kann es „gerechten Frieden" geben ? Die russische Großinvasion in der Ukraine, der Krieg in Gaza, überlappende Krisen und steigende Militärausgaben lassen die Hoffnung auf Frieden schwinden.

Mitten in hitzigen Diskussionen, Angst und Sorgen stellt die Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die christliche Friedensethik neu in den Kontext einer Welt, in der „die Stärke des Rechts vom Recht des Stärkeren" bedroht wird, so Bischöfin Kirsten Fehrs.

Zusammen mit Vertreter*innen aus Bundeswehr, Friedensforschung und Journalismus diskutierte sie in der Hauptkirche St. Nikolai das Leitbild des „gerechten Friedens" im Licht aktueller Krisen und Sicherheitsdebatten.

Im Zentrum die Frage: Wie kann christliche Friedensethik Gewalt möglichst verhindern, gleichzeitig staatliche Schutzpflichten und militärische Gewalt als äußerstes Mittel verantworten?
 

Schuld, Schutzpflicht und „rechtserhaltende Gewalt“

Bischöfin Kirsten Fehrs spricht auf der Podiumsdiskussion zur Friedensethik

„Wir machen uns schuldig, egal, was wir tun", sagt die Bischöfin zu Beginn. Die Friedensdenkschrift sei umstritten – außerhalb, aber auch innerhalb der Evangelischen Kirche.

Der Erhalt des Friedens sei ein Thema, bei dem gerade nicht alles klar sei und die Kirche schuldfrei herauskommen könne. “Wir sind dem Frieden verpflichtet, aber ebenso denen, die Gewalt ausgesetzt sind”, betont Fehrs. Der Schutz vor Gewalt sei wichtiger denn je, damit gerechter Friede möglich wird – notfalls auch durch rechtserhaltende Gewalt.
 

Laut der Friedensdenkschrift meint „gerechter Frieden“ einen Zustand, in dem der Mensch in Freiheit, in Vielfalt und Pluralität anerkannt, mit gerechten Verhältnissen und geschützt vor Gewalt friedlich lebt.

„Rechtserhaltende Gewalt“ meint Gewalt, die wiederum an Recht gebunden ist und nicht willkürlich stattfinden kann.

„Sicherheitspolitik auf der einen und Friedensethik auf der anderen Seite, das gibt es so nicht mehr. Beides muss sich aufeinander beziehen“, beschreibt Fehrs die Konsequenz der Weltsituation. Macht dabei aber auch klar: „Die rechtserhaltende Gewalt dient der Verteidigung, sie ist der letzte Ausweg und nur einzusetzen, um das größere Übel zu verhindern.“ Es handelt sich also hier – theoretisch gesehen – um eine klassische Abwägung; weniger das konsequente Einhalten von Prinzipien. 

Als Kirche habe man zugleich den Auftrag, die Resilienz der Gesellschaft in den Blick zu nehmen: Wie lässt sich stärken, dass Menschen sich auch in Krisen besonnen verhalten? Das sei mit Blick auf hybride Kriegsführung – wie beispielsweise gezielte Angriffe auf die Demokratie – besonders wichtig. 

Gewaltfreier Widerstand als echte Alternative

Professor Wolfgang Palaver auf der Podiumsdiskussion zur Friedensethik in der St. Nikolai

Wolfgang Palaver, katholischer Professor für Christliche Gesellschaftslehre in Innsbruck, unterstreicht das Argument der Bischöfin: Die Denkschrift mache klar, dass auf Gewalt und Kriegsgefahr nicht nur militärisch reagiert werden darf. Gewaltfreier Widerstand sei eine legitime und wirkungsvolle Alternative, wie auch empirische Studien belegt hätten. 

Aber: „Natürlich helfen solche innergesellschaftlichen Methoden nicht bei Konflikten zwischen Staaten wie dem Krieg Russlands gegen die Ukraine", so der Professor.

Wenig diskutiert sehe er hier allerdings das Konzept des sozialen Widerstands: Nicht etwa das Verteidigen von Land, sondern von der eigenen Lebensform, „der Art und Weise, wie wir Demokratie und Solidarität leben, wie wir mit Menschenrechten umgehen“. Hier wünsche er sich mehr als nur die Ansätze dieses Konzepts, wie er sie in der Denkschrift vorfand.
 

Zwischen Sicherheitslogik und „naivem Frieden“

Politikwissenschaftlerin Hanna Pfeifer auf der Podiumsdiskussion zur Friedensethik in der St. Nikolai

„Die Fragen des Kriegs und des Friedens sind keine abstrakten oder historischen mehr. Sie sind konkret und hier bei uns in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt Hanna Pfeifer, Politikwissenschaftlerin und Leiterin des Forschungsbereichs „Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit" am IFSH in Hamburg.

Sie sieht die Friedensdenkschrift im Ringen zwischen zwei Positionen, die beide etwas leugnen: Die eine will Friedensethik zugunsten von Sicherheit opfern und blendet nicht-militärische Mittel aus. Die andere vertritt eine „naive Friedensposition“, die Sicherheitsbedrohungen ignoriert.

„Freiheit muss verteidigt werden“ – die Sicht eines Kommandeurs

Kommandeur Kurt Leonards auf der Podiumsdiskussion zur Friedensethik in der St. Nikolai

Diese Art von Bedrohung kennt ein Mensch auf dem Podium besonders gut: Marineoffizier und Kommandeur des Landeskommandos Hamburg, Kurt Leonhards, kann pazifistische Menschen und ihre Ablehnung des Militärs grundsätzlich verstehen – so hatten sich auch beispielsweise vor den Türen der St. Nikolai Demonstrierende gegen Waffengewalt zusammengefunden.

„Gleichzeitig gibt es auch sehr viele Christliche unter den Soldat*innen, katholisch wie evangelisch, die davon überzeugt sind, aus ihrem Glauben heraus diesen Beruf gewählt zu haben.“ Die Denkschrift aufgreifend betont er, dass Freiheit unter Umständen mit Gewalt verteidigt werden muss – „und diese Verteidigung liegt uns Soldat*innen natürlich sehr nahe, denn schließlich haben wir einen Eid darauf geschworen.“ Und verdeutlicht: Ein „Soldat ist der letzte, der in den Krieg will, denn er ist dann auch der erste, der sein Leben lassen muss.“

Eine Nachdenkschrift, die Fragen bewusst offen lässt

Krieg, Frieden, Gewalt, Sicherheit, Gerechtigkeit – für diese Themen gibt es keine einfache Antwort. Abende wie der in St. Nikolai zeigen diese Zerrissenheit und die Notwendigkeit, an Demokratie und Menschenwürde festzuhalten – trotz Drohungen und Gewalt.

Die Friedensdenkschrift ist hierfür keine Sammlung aller Antworten. Sie ist eine „Nachdenkschrift“, wie Kirsten Fehrs sie umschreibt. „Etwas, was zum Selberdenken anregt, als Debattenbeitrag innerhalb einer sehr komplexen Situation, über die man sehr wohl streiten soll und darf.“  

Die zahlreichen Besucher*innen gehen an diesem Abend mit vielen Impulsen nach Hause, mit einigen Antworten – und mit Fragen: an sich selbst, an die Gesellschaft, daran, was jede und jeder beitragen kann, um eine bedrohte Demokratie zu schützen, denn: „Der Mensch ist zum Bösen fähig. Aber niemand ist daran interessiert, im Bösen haften zu bleiben“, so Fehrs.

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