Sven Christiansen ist eine der wichtigsten Stimmen in Hamburg, wenn es um Aufklärung in psychischen Belangen geht. Er hat viele Jahre in der Akutpsychiatrie und Pflege gearbeitet – und insbesondere mit Menschen in äußerster seelischer Not. Heute lehrt er vor allem als Dozent. Ein Gespräch über Stigmata, gesellschaftlichen Druck und darüber, warum psychische Erkrankungen zur Normalität gehören, auch wenn wir sie noch immer als Ausnahme behandeln.
Lale Raun: Herr Christiansen, Sie haben lange in der Akutpsychiatrie gearbeitet –Was hat diese Arbeit Sie gelehrt?
Sven Christiansen: Dass es dort um das Wesentliche geht. Menschen kommen in die Akutpsychiatrie, weil sie dringend Schutz brauchen und nicht mehr weiterwissen. Man holt sie in ihrer absoluten Not ab. Das Spektrum ist breit: schwere Depressionen, schizophrene Erkrankungen, paranoide Psychosen, Suizidalität. Die größte „Bezahlung“ war für mich immer der Moment, wenn jemand nach zwei oder drei Tagen wieder etwas Halt gefunden hat.
Entscheidend ist es den Menschen zu begegnen – nicht der Diagnose
Was ist Ihre grundlegende Haltung im Umgang mit Menschen in psychischen Krisen?
Christiansen: Nicht zu verurteilen. Verurteilung verschlimmert alles. Viele Symptome sind Reaktionen auf Angst, Überforderung oder Einsamkeit. Wenn dann noch Urteile dazukommen, ziehen sich Menschen weiter zurück. Für mich ist entscheidend, dem Menschen zu begegnen – nicht der Diagnose. Diese Haltung ist grundlegend, auch im Sinne des Psychologen und Psychiaters Carl Rogers: den Menschen annehmen, ohne ihn auf seine Symptome zu reduzieren.
In extremen Situationen fällt es besonders schwer, nicht vorschnell zu urteilen. In Hamburg hat zuletzt ein Vorfall am Hauptbahnhof verunsichert, bei dem eine Frau im öffentlichen Raum mehrere Menschen angegriffen hat. Wie blicken Sie auf solche Ereignisse?
Christiansen: Solche Situationen lösen verständlicherweise Angst aus. Aber wir müssen sehr vorsichtig sein, welche Schlüsse wir ziehen. Psychische Erkrankungen dürfen nicht reflexhaft mit Gewalt gleichgesetzt werden. Die allermeisten Menschen, die psychisch erkrankt sind, sind nicht gefährlich – sie sind oft selbst besonders verletzlich. Wenn wir pauschalisieren, verstärken wir Stigmata und verschärfen die Situation.
Wenn Krankheit wieder als Schwäche gesehen wird
Hat sich der gesellschaftliche Umgang mit psychischen Erkrankungen verändert?
Christiansen: Es gab eine Zeit, in der offener darüber gesprochen wurde – auch in den Medien. Das hat geholfen, Stigmata abzubauen. Gleichzeitig erleben wir wieder eine gesellschaftliche Verhärtung. Psychische Erkrankungen werden dann als Schwäche gelesen, siehe die aktuelle Politik der AfD. Das halte ich für sehr gefährlich.
Welche Rolle spielen aus Ihrer Erfahrung gesellschaftliche Bedingungen für psychische Gesundheit?
Christiansen: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Vieles ist auf Tempo, Effizienz und Funktionieren ausgerichtet. Besonders Jugendliche stehen unter enormem Druck: Schule, Studium, Geld verdienen, Selbstoptimierung. Soziale Medien verstärken das.
Welche Folgen beobachten Sie konkret?
Vor allem Rückzug. Menschen verlieren soziale Bezüge, fühlen sich allein. Einsamkeit spielt dabei eine große Rolle – auch wenn sie in der Psychiatrie kaum als eigene Kategorie auftaucht.
„Wer wenig Ressourcen hat, gerät schneller in Krisen.“
Gibt es Faktoren, die Menschen besonders verletzlich machen?
Christiansen: Ja. Finanzielle Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, eine instabile Wohnsituation. Armut und Depressionen hängen eng zusammen. Wer wenig Ressourcen hat, gerät schneller in Krisen – und kommt schwerer wieder heraus. Manche Menschen sind zudem aufgrund biologischer Faktoren anfälliger. All das verstärkt sich gegenseitig.
Was würde Menschen in solchen Situationen konkret entlasten?
Christiansen: Wir brauchen grundlegende Konzepte. Niedrigschwellige Angebote in den Stadtteilen, mehr Streetworker, Orte, an denen Menschen einfach hingehen können – ohne große Hürden. Dazu gehören auch diakonische und kirchliche Angebote, die genau diese Niedrigschwelligkeit mitbringen. Gerade dort zu sparen, halte ich für einen großen.
Wenn Hilfe zu Frage von Zeit und Geld wird
Gespart wird an vielen Stellen. Was macht die zunehmende Ökonomisierung und Privatisierung des Gesundheitswesens mit der Versorgung psychisch erkrankter Menschen?
Christiansen: Wenn Versorgung primär nach Effizienz organisiert wird, geraten genau die Dinge unter Druck, die in seelischen Krisen entscheidend sind: Zeit, Beziehung, Verlässlichkeit. Psychische Gesundheit lässt sich nicht takten. In der klinischen Versorgung stoßen wir deshalb weniger fachlich als zeitlich an Grenzen. Umso wichtiger ist eine gute Arbeitsteilung mit anderen Formen der Begleitung, wie etwa der Seelsorge.
Ab welchem Punkt geht es um mehr als Behandlung?
Christiansen: Dort, wo es nicht mehr nur um Symptome geht, sondern ums Leben an sich. Um Sinnfragen, um Schuld, um Verlust. Da reicht psychiatrische Sprache allein oft nicht aus. In solchen Momenten ist es entscheidend, dass jemand da ist, der nicht nur behandelt, sondern auch aushält. Seelsorge entlastet hier enorm, weil sie Zeit hat. Und es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die diesen Raum offenhalten.
Sie sprechen lieber von seelischen als von psychischen Erkrankungen. Warum?
Christiansen: Weil Sprache etwas macht. „Psychische Störung“ klingt technisch und hart. Und nicht zu vergessen die Geschichte: Die Psychiatrie hat in Deutschland eine belastende Vergangenheit durch den Nationalsozialismus. „Seele“ erinnert daran, dass wir über etwas zutiefst Menschliches sprechen – und vielleicht auch darüber, dass nicht alles, was Menschen krank macht, sich diagnostizieren oder behandeln lässt.
Was hilft Menschen jenseits professioneller Hilfe im Alltag?
Christiansen: Oft sind es einfache Formen von Gemeinschaft. Regelmäßige Treffen, gemeinsames Zeitverbringen, ohne Erwartungsdruck. Ich habe das bei meiner Mutter gesehen, etwa bei kirchlichen Angeboten wie dem Kirchencafé oder Spielabenden. Solche niedrigschwelligen Formen verhindern, dass Menschen sich zurückziehen und vereinsamen.
Was raten Sie Menschen, die merken, dass sie in Einsamkeit rutschen?
Christiansen: Kommunikation ist alles. Nicht nur irgendwo hinzugehen, sondern Dinge zu tun, bei denen man redet: gemeinsam kochen, spazieren gehen, sich verabreden. Und Hilfe suchen – beim Hausarzt, beim Therapeuten. Mitleid hilft nicht, Fürsorge schon. Psychische Erkrankungen gehören zum Leben. Es kann jede*n treffen. Gerade deshalb ist ein urteilsfreier Umgang so entscheidend.
Vielen Dank für das Gespräch!