29.01.2026
Antisemitismus

Antisemitismus - kein Problem der Vergangenheit

Antisemitismus - kein Problem der Vergangenheit

Antisemitismus ist Gegenwart. Er äußert sich nicht nur in  erfassbaren Straftaten, sondern im Alltag, in Sprache, im Wegsehen. Warum Zahlen allein nicht erklären, was jüdische Menschen erleben – und warum gesellschaftlicher Widerspruch entscheidend ist.

Von Lale Raun

Nie wieder ist jetzt. Die vielen Gesichter des Antisemitismus

 

Am 28. Januar wurde in der Körber-Stiftung über Antisemitismus gesprochen. Unter dem Titel „Kein Phänomen der Vergangenheit – Antisemitismus in Hamburg“ diskutierten der Landesrabbiner Shlomo Bistritzky, die Sozialwissenschaftlerin Yasemin El-Menouar und der Antisemitismusbeauftragte Stefan Hensel über eine Gegenwart, in der antisemitische Erfahrungen zum Alltag gehören – oft leise, oft nicht strafbar, aber mit realen Folgen für die Betroffenen.

Antisemitismus, der nicht gezählt wird

Es sind nicht immer strafbare, rechtlich greifbare Taten. Nicht immer das Hakenkreuz.
Nicht der direkte Angriff auf eine Synagoge, auf einen jüdischen Menschen. Antisemitismus kann nicht immer erfasst werden – und selbst wenn er erfasst wird, bleiben viele Taten folgenlos: weil Anzeigen häufig gegen Unbekannt gestellt werden und Ermittlungen ins Leere laufen. 

Seit dem 7. Oktober 2023, seit dem Angriff der Hamas auf Israel, steigen die Zahlen antisemitischer Vorfälle. In Hamburg – und deutschlandweit. Für Hamburg heißt das konkret:
2023 wurden 132 antisemitische Straftaten registriert, 2024 bereits 249. Beinahe eine Verdopplung der Zahlen.

Diese Zahlen zeigen aber nur einen Teil der Realität. Eine kürzlich erschienene Dunkelfeldstudie, die nicht erfasste antisemitische Vorfälle untersucht und unter anderem vom Hamburger Antisemitismusbeauftragten Stefan Hensel initiiert wurde, kommt zu einem anderen Befund: 77 Prozent aller Jüdinnen und Juden in Hamburg erleben Antisemitismus. 

„Wir müssen uns fragen, warum die Zahlen so niedrig sind“ wirft Stefan Hensel in den Raum – eine Frage, die angesichts der Studienergebnisse zunächst irritiert. Denn wie können Zahlen von 77 Prozent ‚niedrig‘ sein? 

Dass es ‚nur‘ 77 Prozent sind, liegt daran,  „weil sich viele Jüdinnen und Juden im Alltag bewusst nicht als solche zu erkennen geben.“ Andernfalls, so Hensel, wären die Zahlen eklatant höher. „Und weil Zahlen ohnehin nicht erklären können, was hier eigentlich passiert. Wenn der Nachbar plötzlich nicht mehr mit dir spricht, weil du Jude bist – dann lässt sich das nicht anzeigen.“

“Man stelle sich vor, ein evangelischer Kindergarten müsste unter Polizeischutz stehen”

Ob Antisemitismus zugenommen habe? Ja und nein. Antisemitismus habe es immer gegeben. Was sich verändert habe, ist etwas anderesEr ist salonfähig geworden. Weniger Tabubruch, weniger Scham – und damit sichtbarer, sagt die Sozialwissenschaftlerin Yasemin El-Menouar. Es geht so weit, dass man sich untereinander rate, im öffentlichen Raum kein Hebräisch  mehr zu sprechen.

Dass jüdische Menschen geschützt werden müssen, ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Bewachte Synagogen, Sicherheitspersonal vor jüdischen Schulen und Kindergärten gehören zum Alltag. “Man stelle sich vor, ein evangelischer Kindergarten müsste unter Polizeischutz stehen”, so Hensel.

 Wo beginnt Antisemitismus?

„Verschwörungsglaube ist eng verwoben mit Antisemitismus– insbesondere in Deutschland.“ Vor allem in Krisenzeiten kehrt das alte Narrativ zurück: Juden als Strippenzieher, als diejenigen mit besonderer Macht im Hintergrund, so El-Menour.

Jüdische Menschen im Alltag – als Nachbarn, als Mieter einer Zwei-Zimmer-Wohnung – passen nicht in dieses Denken. Das antisemitische Bild speist sich nicht aus Realität, sondern aus Projektionen von Macht und Intellektualität, etwa an prominenten Figuren wie Michel Friedman. Bilder von Wohlhabenden und Intellektuellen– nicht derjenigen Person, die wie viele andere einen Seat fährt, in einer kleinen Wohnung lebt oder gar armutsbetroffen ist.

"Es braucht den Mut zum Widerspruch”

Antisemitismus hat viele Gesichter: Er kann ethnisch, israelbezogen oder religiös motiviert sein – letzterer speist sich unter anderem aus der Auslegung des Neuen Testaments und hat sich über Jahrhunderte in der Geschichte des Christentums verfestigt. 

Antijudaismus – die religiöse Vorgeschichte des Antisemitismus

Wenn von religiös motiviertem Antisemitismus die Rede ist, ist historisch präziser vom christlichen Antijudaismus zu sprechen. Gemeint sind theologische Deutungen, die das Judentum abwerten und sich bereits im Neuen Testament finden – etwa Schuldzuschreibungen oder die Vorstellung, das Christentum habe das Judentum „abgelöst“.

Diese Denkmuster prägten über Jahrhunderte kirchliche Lehre, Predigt und Frömmigkeit. Der moderne Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts knüpft an diese Traditionen an, geht aber über sie hinaus, indem er jüdische Menschen unabhängig von Religion als Gruppe markiert und abwertet.

Der Landesrabbiner Shlomo Bistritzky berichtet von dem Instagram-Kanal „Jew-Ich“, einem Social-Media-Projekt zur jüdischen Bildungsarbeit. Der Name ist ein bewusstes Wortspiel, eine lautmalerische Anspielung auf „jüdisch“. Inhaltlich geht es um Grundlagen: Was bedeutet koscher? Was ist Schabbat? Welche Traditionen prägen das Judentum?

Gerade unter solchen Bildungsinhalten zeigt sich, wie präsent Antisemitismus ist. In den Kommentaren finden sich immer wieder menschenverachtende, offen antisemitische Reaktionen – bis hin zu Anspielungen auf die nationalsozialistischen Vernichtungslager, erzählt Bistritzky.

Es geht um Bildung

Antisemitismus ist dabei vor allem ein Problem mangelnder Bildung. Und eines der Erinnerungskultur. „Jüngeren Generationen, die nicht mehr in unmittelbarer Nähe zur Shoah aufwachsen, fehlt oft eine tragfähige Erinnerungskultur“ so Elmenuer. Bistritzky betont: „Es ist wichtig und richtig, dass es in Deutschland einen zentralen Gedenktag wie den 27. Januar gibt.“ Aber das allein ändere nichts am grundsätzlichen Problem des herrschenden Antisemitismus in Hamburg – und in Deutschland.

 „Es braucht eine lebendige Erinnerungskultur – als fortlaufenden Prozess. Und es braucht den Mut zum Widerspruch,“ so Hensel. Im Alltag. Bei den kleinen Sätzen. Bei den Stammtischparolen, die allzu häufig einfach stehen bleiben.

Die entscheidende Frage

Möchte diese Gesellschaft, dass Jüdinnen und Juden hier leben? Ohne Bedingungen. Ohne Erwartungen. Ohne Loyalitätsprüfungen.

Nicht nur dann, wenn sie den eigenen politischen, kulturellen oder moralischen Vorlieben entsprechen. Sondern als das, was sie sind: ganz unterschiedliche Menschen – mit unterschiedlichen Haltungen, Meinungen, Lebensentwürfen.

Wie gesagt: Nicht alle antisemitischen Vorfälle sind strafbare, rechtlich greifbare Taten. Deshalb braucht es vor allem gesellschaftlichen Willen. Gesetze allein reichen nicht. Es braucht Widerspruch, Akzeptanz – und die Selbstverständlichkeit, jüdisches Leben nicht nur zu tolerieren, sondern als wichtigen Teil dieser Gesellschaft anzuerkennen.

Was gilt in Deutschland als Antisemitismus?

In Deutschland orientieren sich Bund, Länder und Kommunen an der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Sie dient Behörden und Institutionen als Orientierungshilfe, um antisemitische Vorfälle zu erfassen und einzuordnen. Die Definition ist politisch anerkannt, aber umstritten – insbesondere mit Blick auf die Abgrenzung zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik an der israelischen Regierung.

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