15.10.2026
Glauben & Pilgern

Christine Thürmer: Wie Wandern ihren Glauben verändert

Autorin Christine Thürmer beim Wandern

Unterwegs zurück zum Glauben

Beim Wandern fand Christine Thürmer zurück zum Glauben. Was Dankbarkeit damit zu tun hat – und warum katholische Kirchen für sie unterwegs ein Stück Heimat sind.

Von Christian Schierwagen

Eine warme Dusche am Morgen, ein geschenkter Schokoriegel: Es braucht nicht immer viel, um glücklich zu sein. Für Christine Thürmer waren solche Dinge lange selbstverständlich – nichts, was sie besonders beschäftigt hätte. Das änderte sich durch das Wandern: Unterwegs musste sie sich auf das Nötigste beschränken, wodurch eine warme Dusche zum „Highlight der Woche“ wurde. Über einen Schokoriegel freute sie sich mehr als früher über eine Gehaltserhöhung.

Die Langstreckenwanderin und Autorin ist auf der ganzen Welt unterwegs. Inzwischen hat sie mehr als 70.000 Kilometer in 40 Ländern zurückgelegt und über 2.000 Nächte im Zelt verbracht. Im Gespräch mit Kirche Hamburg erzählt sie, wie sie dabei zum Glauben zurückfand, warum Kirchen für sie vertraute Orte sind – und was die Begegnung mit dem Tod an ihrem Blick auf das Leben verändert hat.

Aus Glück wurde Dankbarkeit

Thürmer ist katholisch geprägt aufgewachsen, trat aber schon in jungen Jahren aus der Kirche aus. Mit dem Glauben habe sie danach lange nichts mehr zu tun gehabt. Erst auf ihren Wanderungen änderte sich das.

Abends lag sie glücklich im Zelt und hätte am liebsten laut „Danke, danke, danke!“ gerufen. Doch an wen sollte sich dieser Dank richten? Für Thürmer war die Antwort Gott. Eine Erfahrung, die sie bis heute begleitet: „Diese Dankbarkeit empfinde ich seither nicht nur beim Wandern, sondern in meinem ganzen Leben.“

Kirchen als vertrauter Heimathafen

Christine Thürmer lässt sich segnen
Katholische Kirchen sind für Autorin Christine Thürmer „ein vertrauter Heimathafen“.

Thürmer ist meist allein unterwegs, einsam fühle sie sich dabei aber nicht. Trotzdem gibt es Situationen, die sie belasten: über Monate in einem Land zu sein, dessen Sprache sie nicht versteht, sich im Alltag immer wieder neu zurechtfinden zu müssen. Gerade dann helfen ihr Orte, an denen nicht alles fremd ist.

Katholische Kirchen sind für sie „ein vertrauter Heimathafen“. Selbst wenn sie etwa in Japan kein Wort eines Gottesdienstes verstehe, erkenne sie den Ablauf und die religiösen Symbole wieder. Sie wisse, was am Altar geschehe, und könne die Bilder in der Kirche einordnen. Diese Vertrautheit gibt ihr unterwegs Halt.

Dafür braucht es nicht immer einen Kirchenraum: „Oft hilft auch schon ein stilles vertrautes Gebet wie das Vaterunser, mich in Stresssituationen wieder zu erden.“

Was Pilgern für sie bedeutet

Unterwegs sein, Abstand vom Alltag gewinnen, sich mit dem eigenen Glauben beschäftigen: Für Thürmer ist Pilgern mehr als eine Wanderung auf einem entsprechend ausgeschilderten Weg. Zu ihrem Verständnis gehören körperliche und mentale Anstrengung sowie religiöse Übungen. Es gehe darum, sich mithilfe des Glaubens zu verändern.

Thürmer unterscheidet also zwischen dem Gehen auf einem Pilgerweg und dem Pilgern als religiöser Praxis: Für sie entscheidet nicht allein die Strecke, sondern auch die Motivation, mit der sie unterwegs ist.

Mehr Raum für Menschen auf der Suche

Gerade auf den spanischen Jakobswegen sieht Thürmer eine große Chance für die Kirche, denn dort seien viele Menschen auf einer spirituellen Suche. Passende Angebote erlebe sie entlang der Wege jedoch zu selten. Häufig seien Kirchen geschlossen, die örtlichen Pfarrer mit ihrer Gemeindearbeit bereits ausgelastet.

Als positives Beispiel nennt sie die deutsche Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela. Ehrenamtliche bieten dort Gespräche, Gruppentreffen und spirituelle Führungen an. Von solchen Angeboten wünscht sie sich mehr.

Auch in Hamburg gibt es einen Anlaufpunkt: Das Pilgerzentrum der Hauptkirche St. Jacobi berät zu kurzen und langen Touren und bietet Begegnung, Austausch sowie Gottesdienste für Pilgernde an

Was am Ende zählt

Christine Thürmer im Nirgendwo
„Wie jede Wanderung hat auch das Leben ein Ende. Und wie beim Wandern möchte ich darauf gut vorbereitet sein.“

Was ihr im Leben wichtig ist, hat Thürmer nicht nur auf langen Wanderungen gelernt: Zwei ihrer Freunde starben in relativ jungen Jahren im Hospiz. Sie besuchte sie häufig und bemerkte dabei, wie viel diese Begegnungen auch ihr selbst mitgaben.

Der Tod veränderte ihren Blick: „Die wichtigste Ressource im Leben ist nicht Geld, sondern Zeit.“ Anders als Geld lasse sich die eigene Lebenszeit nicht vermehren und wie viel davon bleibe, könne niemand im Voraus wissen.

Seither lebe sie bewusster. Den Tod möchte sie nicht verdrängen, sondern ihm auch als Sterbebegleiterin begegnen. Für Thürmer verbindet sich darin die Erfahrung des Unterwegsseins mit der Frage, wie sie ihr Leben gestalten möchte: „Denn wie jede Wanderung hat auch das Leben ein Ende. Und wie beim Wandern möchte ich darauf gut vorbereitet sein.“

Christine Thürmer in Buchholz und Bad Oldesloe

Mit ihrem Bühnenprogramm „Wandern Total – die Welt zu Deinen Füßen“ kommt Christine Thürmer am Donnerstag, 26. November 2026, um 20:00 Uhr in die EMPORE Buchholz, Breite Straße 10, 21244 Buchholz in der Nordheide. Sie erzählt von ihren weltweiten Wanderungen und unterschiedlichen Outdoor-Kulturen, gibt praktische Tipps und beantwortet Fragen aus dem Publikum. Informationen zum Programm und Karten finden Sie bei der EMPORE Buchholz. Ein weiterer Tourtermin ist am 7. März 2027 im Kultur- und Bildungszentrum (KuB) in Bad Oldesloe.

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