Lale Raun: Der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day wird als islamistisch motivierte Tat eingeordnet. Was hat die Nachricht bei Ihnen ausgelöst – persönlich und als muslimische Theologin?
Mira Sievers: Ich bin natürlich erst einmal geschockt und denke an die Getötete und die Verletzten sowie an die queeren Menschen, die sich nun noch stärker bedroht fühlen. Grundsätzlich stellt man sich bei terroristischen Anschlägen immer auch die Frage: Könnte ich in einer solchen Situation nicht selbst betroffen sein?
Als muslimische Theologin beschäftigt mich zusätzlich, was für ein brutales und menschenverachtendes Islamverständnis manche Menschen haben können.
Der Anschlag hat die Debatte über das Verhältnis von Islam und Islamismus neu entfacht. Wie würden Sie dieses Verhältnis beschreiben?
Historisch lässt sich sagen: Der Islamismus entwickelt sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Frage heraus, warum man mit einer so starken westlichen Übermacht konfrontiert ist. Es geht um die koloniale Situation, aber auch um die Wahrnehmung westlicher technologischer und militärischer Überlegenheit und die Frage, wie muslimische Gesellschaften auf die Moderne reagieren sollten.
Darauf gab es unterschiedliche Antworten. Der islamische Modernismus betonte die Rationalität des Islams und seine Vereinbarkeit mit der Moderne. Eine andere Richtung forderte eine Rückkehr zu den Ursprüngen, deutete diese zunehmend politisch und verstand den Islam als umfassende Gesellschaftsordnung. Diese Deutung gehört zu den ideengeschichtlichen Wurzeln des modernen Islamismus und ist eng mit der in den 1920er-Jahren entstandenen Muslimbruderschaft verbunden. Ein Schlagwort lautete: „Der Islam ist die Lösung.“ Damit wurde der Islam zugleich als Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus verstanden.
„Islamisten sind nicht einfach besonders strenge Muslime, die den Islam ernster nehmen als andere.“
Rückkehr zu den Ursprüngen – ist der Islamismus also eine besonders strenge Form des Glaubens?
So wird es gerne bezeichnet, aber das halte ich für einen Etikettenschwindel. Der Islamismus suggeriert eine Rückkehr zu den Ursprüngen, ist aber eine moderne Interpretation, die auf Herausforderungen der Moderne reagiert. Islamisten sind nicht einfach besonders strenge Muslime, die den Islam ernster nehmen als andere. Es geht nicht um den Grad der Strenge. Es geht um die Frage, was Islam seinem Wesen nach eigentlich ist.
Was ist für Sie der Kern des Islams?
Der Kern des Islams ist eine Haltung, die ein Mensch gegenüber Gott einnimmt – eine Haltung der Hingabe, die auch als Form von Dankbarkeit verstanden werden kann. Ich verstehe den Islam nicht als politisches System oder fertige Gesellschaftsordnung, die man nur noch anwenden müsste.
Für den Koran ist zentral, dass Gott die Welt gut geschaffen hat. Die Schöpfung ist eine gute Schöpfung, die Welt ist für den Menschen ein wunderbarer Lebensraum. Die naheliegendste Haltung wäre deshalb eine große Dankbarkeit gegenüber Gott. Darin liegt für mich der grundsätzliche Unterschied: Verstehe ich den Islam als Religion, wie glücklicherweise die allermeisten Musliminnen und Muslime in Deutschland und weltweit? Oder mache ich aus ihm eine politische Systemalternative?
Homosexualität: Ein Kind der Moderne
Was bedeutet dieses Verständnis einer guten Schöpfung für die heutige Debatte um Homosexualität?
Bevor wir darüber sprechen, müssen wir verstehen, dass Homosexualität als Identitätskategorie eine moderne Kategorie ist. Die islamische Theologie knüpft hier an Erkenntnisse an, die auch in der christlichen Theologie aufgegriffen worden sind. Wir wissen, dass unsere heutige Art, über Sexualität zu denken, selbst ein Kind der Moderne ist, man spricht mitunter von der „Erfindung der Homosexualität“ im 19. Jahrhundert. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass Menschen zuvor kein gleichgeschlechtliches Begehren empfunden hätten. Historisch vergleichsweise jung ist jedoch die Einteilung von Menschen in feste Identitätskategorien wie „homosexuell“ und „heterosexuell“.
Ein Gelehrter des 10. Jahrhunderts hätte mit unserer heutigen Einteilung in homosexuelle und heterosexuelle Menschen vermutlich wenig anfangen können.
Wie wurde gleichgeschlechtliches Begehren in der islamischen Tradition bewertet?
In der islamischen Tradition finden sich unterschiedliche Formen des Umgangs mit gleichgeschlechtlichem Begehren. Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Männern wurden zwar überwiegend abgelehnt, ihre genaue rechtliche Einordnung und die Frage einer möglichen Bestrafung waren jedoch umstritten. Gleichgeschlechtliche Handlungen unter Frauen spielten in rechtlichen Debatten eine geringere Rolle und wurden meist milder behandelt. Vor allem aber gilt: Wir sprechen von einem vormodernen islamischen Recht, das konkrete Handlungen bewertete, nicht sexuelle Identitäten.
Der heutige Diskurs hat damit eine andere Dimension: Homosexualität wird nicht nur auf einzelne sexuelle Handlungen bezogen, sondern als sexuelle Orientierung und als Teil der Identität verstanden.
Homophobie ist nicht gleich islamistische Gewalt
Welche Folgen hatte dieses veränderte Verständnis von Homosexualität für die islamischen Debatten?
In der Moderne hat sich unter Musliminnen und Muslimen eine starke Strömung entwickelt, die von der negativen Bewertung bestimmter gleichgeschlechtlicher Handlungen auf Homosexualität als Identität geschlossen hat. Dieser Schluss ist nicht zwingend, wurde aber vielfach vollzogen. Verbunden mit homophoben Einstellungen kann daraus eine problematische Haltung gegenüber homosexuellen Menschen entstehen.
Bedeutet eine homophobe Haltung zwangsläufig auch eine Nähe zu islamistischer Gewalt?
Nein, natürlich nicht. Homosexualität wird auch in konservativen religiösen Milieus abgelehnt und teilweise abgewertet. Solche Vorstellungen können sich mit denen eines Menschen überschneiden, der einen Anschlag plant. Sie sind aber nicht mit islamistischer Gewalt gleichzusetzen. Aus einer ablehnenden oder homophoben Haltung folgt nicht automatisch Gewalt. Wenn Menschen daraus jedoch Gewalt ableiten, muss diese selbstverständlich mit allen Möglichkeiten des Rechtsstaats bekämpft werden.
Daneben stellt sich die Frage, wie mit homophoben Haltungen umzugehen ist. Hier haben muslimische Theologinnen und Theologen, Gemeinden und Lehrkräfte eine spezifische Aufgabe: Sie müssen sich mit den religiösen Begründungen solcher Haltungen auseinandersetzen und innerhalb muslimischer Communitys Aufklärungsarbeit leisten.
„In Deutschland leben mehrere Millionen Musliminnen und Muslime. Sie pauschal unter Generalverdacht zu stellen, ist völlig absurd.“
Nach solchen Anschlägen wird immer wieder infrage gestellt, ob sich Islam und Islamismus überhaupt voneinander trennen lassen. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr?
Mich schockiert es, wenn es heißt, Islam und Islamismus ließen sich nicht voneinander trennen. Natürlich greift der Islamismus auf Texte, Begriffe und Konzepte der islamischen Tradition zurück, aber er stellt eine bestimmte moderne politische Deutung des Islams dar, nicht sein Wesen.
In Deutschland leben mehrere Millionen Musliminnen und Muslime. Sie pauschal unter Generalverdacht zu stellen, ist völlig absurd. Ebenso problematisch finde ich es, wenn ein solcher Anschlag instrumentalisiert wird, um ablehnende Haltungen gegenüber Musliminnen und Muslimen zu rechtfertigen.
Religion darf politisch sein – aber nicht anderen das Leben vorschreiben
Religiöse Überzeugungen können dennoch politische Konsequenzen haben. Dafür fällt oft der Begriff „politischer Islam“.
Die Rede vom „politischen Islam“ erweckt schnell den Eindruck, als wären politische Forderungen aus einer religiösen Haltung heraus an sich problematisch. Das sind sie aber nicht grundsätzlich. Aus einer christlichen Haltung kann etwa folgen, dass man nicht hinnehmen möchte, dass Geflüchtete im Mittelmeer sterben. Aus einer muslimischen Haltung kann folgen, dass man sich gegen Einsamkeit in der Gesellschaft engagiert.
Religiöse Überzeugungen können also politische Relevanz haben. Problematisch wird es dann, wenn Menschen aus einem religiösen Wahrheitsanspruch einen Herrschaftsanspruch ableiten und glauben, sie könnten anderen eine bestimmte Lebensweise aufzwingen – etwa wenn sie ein Kalifat fordern oder ihre Vorstellungen mit Gewalt durchsetzen wollen.
Wichtig ist eine klare Vision davon, wie wir zusammenleben wollen: respektvoll und unter Wahrung der Freiheit jedes Einzelnen. Das ist das Verbindende, das eine Allianz gerade auch zwischen queeren und muslimischen Menschen ermöglichen kann. In dieser Gesellschaft ist Platz für alle. Und damit meine ich wirklich alle. Das ist ein universales Alle.
Gibt es im Koran Passagen, die ein solches Zusammenleben stützen?
Natürlich gibt es das. Ich würde aber zunächst einen Schritt zurücktreten. Der Koran ist – wie gesagt – keine Anleitung dafür, wie ein Staat organisiert werden sollte. Er spricht Menschen an – und zwar zunächst in einem bestimmten historischen Kontext. In den frühen Suren aus der mekkanischen Zeit geht es sehr stark um die sozialen Verpflichtungen der Menschen, unabhängig von der Religionszugehörigkeit: Warum speist ihr die Armen nicht (Sure 107, Vers 3)? Seid nicht unfreundlich zum Bettler (Sure 93, Vers 10) und betrügt nicht im Handel (Sure 83, Verse 1 bis 3)!
Wir leben heute in einer anderen Gesellschaft. Die meisten Menschen müssen hier in Deutschland nicht mehr hungern. Aber selbstverständlich haben auch wir soziale Verpflichtungen gegenüber verletzlichen oder benachteiligten Menschen. Vielleicht lautet die Frage heute nicht mehr: Warum speist ihr die Armen nicht? Vielleicht lautet sie: Warum gehst du mit deinem schwulen Nachbarn schlecht um?
Vielen Dank für das Gespräch!