Daniel Schreiber – Autor und Journalist – schreibt über die Bruchstellen unserer Zeit: über Einsamkeit, Abhängigkeit, Identität – und nun über Liebe. In seinem Buch Liebe! Ein Aufruf beschreibt er eine Gesellschaft, in der Ohnmacht und Hassrhetorik den politischen Diskurs prägen und Polarisierung sowie Entmenschlichung an Einfluss gewinnen. Dem stellt er einen Liebesbegriff entgegen, den er in philosophischen und theologischen Traditionen verortet – als politische und gemeinschaftliche Praxis.
Lale Raun: Herr Schreiber, in Ihrem aktuellen Buch beschreiben Sie eine wachsende politische Ohnmacht, eine Lähmung angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen. Was ist aus Ihrer Sicht gerade fundamental aus dem Gleichgewicht geraten?
Daniel Schreiber: Ich habe den Eindruck, dass wir gerade erleben, wie sich der öffentliche Raum radikal verändert. Eine Zeit geht zu Ende – eine Zeit, in der viele Menschen aus Minderheiten zumindest halbwegs sicher ihre Stimme erheben konnten. Diese Sicherheit bricht weg. Gleichzeitig verschieben sich politische Diskurse immer weiter nach rechts, rechtsextreme Positionen werden normalisiert. Das erzeugt bei vielen eine tiefe Ohnmacht: das Gefühl, dass das, was man für selbstverständlich hielt, plötzlich nicht mehr trägt.
Aber warum ist Ihre Antwort auf diesen Zustand ausgerechnet Liebe – und nicht etwa Hoffnung, Widerstand oder Solidarität?
Weil Liebe all das umfasst. Mir geht es um eine Dimension von Sozialität, die wir als Gesellschaft verloren haben. Eine Form des Miteinanders, in der klar ist, dass wir aufeinander angewiesen sind: auf Anerkennung, Fürsorge, Solidarität, Verantwortung für Schwächere und für kommende Generationen.
Erich Fromm hat das sehr klar beschrieben. Wir leben in einer Gesellschaft, die stark auf Wettbewerb, auf individuelles Vorankommen und Selbstoptimierung ausgerichtet ist. Und wir tun oft so, als seien Konkurrenz und Selbstbehauptung die eigentlichen menschlichen Bedürfnisse. Aber der Mensch hat ebenso ein grundlegendes Bedürfnis nach Beziehung, nach Geben, nach Fürsorge.
Liebe ist für mich deshalb der Begriff, der diese verlorene Dimension wieder sichtbar macht – nicht als Gefühl, sondern als gelebte Praxis.
„Ich habe ein Unbehagen gegenüber der Idee, Menschen als Ebenbild Gottes zu denken.“
Wenn Liebe eine Praxis ist – eine bestimmte Weise, Menschen zu begegnen –, stellt sich die Frage: Worauf gründet diese Haltung? Die christliche Tradition verbindet die Würde des Menschen mit der Ebenbildlichkeit Gottes und formuliert daraus einen Maßstab für den Umgang miteinander.
Ich glaube, dass Liebe nicht religiös begründet werden muss, auch wenn das in der Geschichte auf teils sehr schöne Weise geschehen ist. Ich habe ein Unbehagen gegenüber der Idee, Menschen als Ebenbild Gottes zu denken – auch weil solche Begründungen historisch missbraucht worden sind. Es ist nur ein kleiner Schritt zu sagen: Du bist nicht das Ebenbild meines Gottes. Und schon ist man in rassistischen oder ausgrenzenden Denkfiguren. Wenn Gott sehr konkret und kulturell verengt vorgestellt wird, dann gibt es automatisch viele Menschen, die diesem Bild nicht entsprechen und so entstehen schnell Ausschlüsse.
Wenn nicht das Ebenbild Gottes – was gibt dem Menschen für Sie dann seine besondere Schutzwürdigkeit?
Für mich liegt die Tiefe eher im Leben selbst. Wir leben in einer Welt, die voller Leben ist, und dieses Leben ist ein Geschenk – etwas, das wir nicht selbst gemacht haben. Diese Erfahrung kann man religiös deuten, man muss es aber nicht. Die Idee der Ehrfurcht vor dem Leben, wie Albert Schweitzer sie formuliert hat, finde ich deshalb sehr überzeugend. Sie setzt nicht bei einem theologischen Prinzip an, sondern bei der Anerkennung, dass jedes Leben verletzlich und schützenswert ist. Das ist für mich eine spirituelle Haltung.
Und wie steht es um ‚Ideen‘ von Nächsten- und Feindesliebe, die Sie auch in ihrem Buch aufgreifen?
Begriffe wie Nächsten- oder Feindesliebe haben unser Denken seit Jahrhunderten geprägt. Wir finden Ansätze von Feindesliebe nicht nur im Neuen Testament, sondern auch in der Tora und in anderen religiösen Traditionen. Diese Konzepte sind kulturell außerordentlich wirkmächtig gewesen. Wer heute über Liebe, Gemeinschaft und Politik nachdenkt, kommt an diesen Traditionen nicht vorbei – auch wenn man sie nicht im Sinne von Offenbarung liest.
Ich halte sie für wichtige und beeindruckende Ideen, gerade weil sie versuchen, den Kreislauf von Rache und Gegengewalt zu unterbrechen. Gleichzeitig darf Feindesliebe nicht zu einer Pflicht zur Selbstaufopferung werden, wie es häufig populär verstanden wird.
Mit denen reden, die entmenschlichen?
Sie plädieren dafür, politische Gegner nicht zu entmenschlichen, nicht zu Feinden zu erklären. Wie geht man mit Menschen um, die selbst zu Entmenschlichung neigen?
Ich halte es für zentral, einer Rhetorik der Feindschaft zu widersprechen. Wer politische Gegner und Gegnerinnen zu Feinden erklärt, gerät automatisch in eine Logik von Rache und Vergeltung. Diese Logik macht uns selbst ungerecht. Wir müssen mit Menschen sprechen, die rechtsextrem wählen – im privaten, im familiären, im gesellschaftlichen Umfeld.
Was aber nicht funktioniert, ist das Reden mit rechtsextremen Politikmachenden. Diese haben kein Interesse an demokratischem Dialog. Sie nutzen jede Bühne, um Hass zu verbreiten, die Gesellschaft zu spalten und unsere grundlegendsten politischen Begriffe umzuwerten. Journalistinnen und Journalisten versuchen seit Jahren, den Dialog zu suchen – ohne Erfolg.
Im Gespräch zu bleiben – selbst unter Angriff – erinnert an das biblische Bild des Hinhaltens der anderen Wange.
Als Metapher für Gewaltunterbrechung halte ich das Motiv vom Hinhalten der zweiten Wange für sehr wichtig. Aber auch das wird häufig missverstanden, – als Schwäche oder Selbstaufopferung. Wir leben in einem Rechtsstaat. Verbrechen müssen geahndet werden, insbesondere rechtsextreme Gewaltverbrechen.
Liebe bedeutet nicht Naivität. Sie bedeutet nicht Straflosigkeit. Sie bedeutet, die Spirale der Entmenschlichung nicht weiterzutreiben – und gleichzeitig demokratische und rechtliche Grundsätze konsequent zu verteidigen.
„Ohne Vergebung bleiben wir im Kreislauf von Rache und Vergeltung gefangen“
Wenn wir die Spirale von Rache und Vergeltung nicht weiterdrehen wollen – braucht es dann nicht auch Vergebung?
Ja, zwingend. Ich würde Vergebung als etwas Gemeinschaftliches verstehen. Auch sie wird häufig missverstanden – als individuelle Heilung oder als moralische Pflicht. So meine ich sie nicht. Es gibt Dinge im Leben, die für einzelne Menschen vielleicht schwer oder sogar unmöglich zu vergeben sind. Daraus darf kein Imperativ entstehen.
Aber als Gesellschaft kommen wir ohne Vergebung nicht aus. Menschen wie Hannah Arendt oder Martin Luther King haben sehr klar gezeigt: Ohne Vergebung bleiben wir im Kreislauf von Rache und Vergeltung gefangen. Dann ist ein Neuanfang nach historischen Zäsuren kaum möglich.
Interessant finde ich, dass wir für uns selbst Vergebung oft selbstverständlich erwarten – aber zögern, sie anderen zu gewähren. Gerade mit Blick auf unsere eigene Geschichte sieht man, dass gesellschaftliches Weiterleben ohne große Vergebungsbewegungen nicht möglich gewesen wäre.
Vergebung ersetzt keine Gerechtigkeit. Aber sie verhindert, dass wir uns dauerhaft in Feindschaft verstricken.
Der „Gutmensch“ und die Umwertung der Sprache
Sie zeichnen nach, wie Liebe im Laufe der Geschichte romantisiert und ins Private verdrängt wurde. Ähnliches gilt für Religion seit der Aufklärung, die zunehmend ins Innerliche verschoben wurde. Würden Sie sagen: raus aus dem Privaten, rein in die Öffentlichkeit?
Vor allem: rein in die Gemeinschaft. Da sehe ich einen Unterschied zur bloßen Öffentlichkeit. Der erste Schritt ist nicht die große Bühne, sondern das Gemeinschaftliche: Räume aufzubauen, in denen Formen von gemeinschaftlicher und politischer Liebe tatsächlich praktiziert werden können. In solchen Räumen kann man gemeinsam Stimme erheben – etwa gegen die Umwertung politischer Begriffe durch rechtsextreme Gruppen. Gegen eine Verschiebung, bei der rechtsextreme Haltungen plötzlich als bürgerlich gelten und andere demokratische Positionen als linksextrem diffamiert werden. Gemeinschaft heißt auch, wieder zu Kräften zu kommen. Die eigene politische Stimme zu finden. Die binäre Logik der Polarisierung zu durchbrechen. Zu lernen, politische Gegnerschaft nicht als Feindschaft zu verstehen.
Sie schreiben, dass es gelungen ist, aus dem „guten Menschen“ ein Schimpfwort zu machen. Auch Kirchen werden in politischen Debatten nicht selten polemisch als „Gutmenschen“ bezeichnet – als moralisch naiv oder wirklichkeitsfremd. Wie sollte man darauf reagieren?
Indem man sich nicht rechtfertigt, sondern positioniert. Neutralität ist in dieser Situation keine Option. Die christliche Sprache von Liebe, Hoffnung und Menschenwürde widerspricht rechtsextremer Ideologie im Kern. Ich bin mir sehr sicher: Kirche muss ganz konkret gegen rechtsextreme Diskurse und gegen rechtsextreme Politik angehen. Und in den Widerstand gehen. Das ist alternativlos.
Wenn Kirchen glauben, sie könnten sich aus diesem politischen Konflikt heraushalten, verkennen sie die eigentliche Gefahr. Diese Ideologien sind dabei, genau diese Sprache zu vereinnahmen oder zu entleeren – und alle Ideen, die mit ihr einhergehen, zu zerstören. Historisch wissen wir, wie schnell das gehen kann. Daraus erwächst eine Verantwortung zum Widerspruch.
Wehrhaft aus Verantwortung
Die EKD schreibt in ihrer aktuellen Friedensdenkschrift, dass Pazifismus als allgemeine politische Theorie nicht ausreicht und dass der Schutz vor Gewalt unter Umständen Vorrang vor Gewaltverzicht haben kann.
Wie verhält sich das zu Ihrem Verständnis von Liebe als politischer Praxis?
Wir müssen uns als demokratische Gesellschaft verteidigen. Wir haben keine andere Wahl. Ich habe selbst den Wehrdienst verweigert und habe große Sympathie für pazifistische Ideen. Innergesellschaftlich halte ich sie für sehr wichtig. Aber wir leben in einer Lage, in der Demokratien konkret bedroht sind – von autokratischen und kleptokratischen Regimen, die militärisch agieren und das Recht des Stärkeren durchsetzen.
Liebe heißt nicht Wehrlosigkeit. Sie heißt Fürsorge – und dazu gehört auch der Schutz derjenigen, die bedroht sind.
Vielen Dank für das Gespräch!