Einsamkeit ist ein Wort, das schnell Alarm auslöst. Medien sprechen von einer „Epidemie“, Politikerinnen und Politiker suchen Gegenstrategien. Doch so einfach ist es nicht. Einsamkeit gehört zum Leben – und sie zeigt viele Gesichter. Der Praktische Theologe Dr. Felix Roleder beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Phänomen: von der schmerzhaften sozialen Isolation bis zur positiv erlebten Zurückgezogenheit. Ein Gespräch über Erwartungen an Beziehungen, kulturelle Normen – und darüber, welche Rolle Kirche und Glaube spielen können.
Lale Raun: Herr Rohleder, eines Ihrer Forschungsthemen ist Einsamkeit. Was meinen Sie, wenn Sie von Einsamkeit sprechen – und was nicht?
Felix Roleder: Wenn wir von Einsamkeit sprechen, ist zunächst die soziale Einsamkeit zentral. Sie bezieht sich nicht einfach auf den Mangel an Kontakten, sondern entsteht dort, wo die Qualität sozialer Beziehungen hinter den eigenen Erwartungen und Wünschen zurückbleibt. Einsamkeit ist also weniger das Alleinsein als eine Diskrepanz zwischen Wunsch und gelebter Wirklichkeit.
Davon zu unterscheiden sind weitere Formen von Einsamkeit, die nicht per se negativ sind, beispielsweise die bewusst gewählte, die Ruhe, Selbstbestimmung und Reflexion ermöglicht.
Raun: Woran macht sich soziale, unerwünschte Einsamkeit bemerkbar?
Roleder: In ihrer intensivsten Form äußert sich soziale Einsamkeit in Sätzen wie: „Ich habe überhaupt niemanden, mit dem ich mich austauschen kann.“
Sie hat unterschiedliche Intensitäten – vom Vermissen bestimmter Beziehungen bis hin zu einer umfassenden Entfremdung von der sozialen Welt.
Einsamkeit wird dabei oft als sozialer Schmerz erlebt, der den eigenen Selbstwert infrage stellt.