05.01.2026
Gegen die Einsamkeit

Einsamkeit gehört zum Leben

Einsamkeit gehört zum Leben

Ohne Einsamkeit geht es nicht

Viele sprechen von einer „Epidemie der Einsamkeit“. Der Theologe Dr. Felix Roleder widerspricht: Einsamkeit gehört zum Leben – problematisch wird sie erst, wenn sie chronisch wird. Ein Gespräch über Erwartungen, Glauben und die Grenzen von Gemeinschaft.

Von Lale Raun

Einsamkeit ist ein Wort, das schnell Alarm auslöst. Medien sprechen von einer „Epidemie“, Politikerinnen und Politiker suchen Gegenstrategien. Doch so einfach ist es nicht. Einsamkeit gehört zum Leben – und sie zeigt viele Gesichter. Der Praktische Theologe Dr. Felix Roleder beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Phänomen: von der schmerzhaften sozialen Isolation bis zur positiv erlebten Zurückgezogenheit. Ein Gespräch über Erwartungen an Beziehungen, kulturelle Normen – und darüber, welche Rolle Kirche und Glaube spielen können.

Lale Raun: Herr Rohleder, eines Ihrer Forschungsthemen ist Einsamkeit. Was meinen Sie, wenn Sie von Einsamkeit sprechen – und was nicht?

Felix Roleder: Wenn wir von Einsamkeit sprechen, ist zunächst die soziale Einsamkeit zentral. Sie bezieht sich nicht einfach auf den Mangel an Kontakten, sondern entsteht dort, wo die Qualität sozialer Beziehungen hinter den eigenen Erwartungen und Wünschen zurückbleibt. Einsamkeit ist also weniger das Alleinsein als eine Diskrepanz zwischen Wunsch und gelebter Wirklichkeit.

Davon zu unterscheiden sind weitere Formen von Einsamkeit, die nicht per se negativ sind, beispielsweise die bewusst gewählte, die Ruhe, Selbstbestimmung und Reflexion ermöglicht.

Raun: Woran macht sich soziale, unerwünschte Einsamkeit bemerkbar?

Roleder: In ihrer intensivsten Form äußert sich soziale Einsamkeit in Sätzen wie: „Ich habe überhaupt niemanden, mit dem ich mich austauschen kann.“
Sie hat unterschiedliche Intensitäten – vom Vermissen bestimmter Beziehungen bis hin zu einer umfassenden Entfremdung von der sozialen Welt.
Einsamkeit wird dabei oft als sozialer Schmerz erlebt, der den eigenen Selbstwert infrage stellt.

Wie gesellschaftliche Normen Einsamkeit verstärken – besonders an Weihnachten

 

Raun: Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von Scham. Warum?

Roleder: Einsamkeit ist gesellschaftlich stark negativ besetzt. Sie gilt schnell als etwas, das man erklären oder verbergen müsste. Das erzeugt Scham. Besonders bei jüngeren Menschen ist Einsamkeit stark tabuisiert, aber auch im Alter spielt Scham eine Rolle.

Gerade deshalb ist öffentliche Aufklärung wichtig. Wenn deutlich wird, dass Einsamkeitserfahrungen zum Menschsein gehören und viele sie im Laufe ihres Lebens erleben, kann das entlastend wirken und die Scham reduzieren.

Raun: Sie haben die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit angesprochen. Woher entstehen die Erwartungen, an denen sich Menschen messen – und die im Erleben von Einsamkeit so schmerzhaft werden können?

Roleder: Beziehungserwartungen sind stark kulturell und gesellschaftlich geprägt. Ein gutes Beispiel ist Weihnachten. Menschen, die mit ihren sozialen Beziehungen unzufrieden sind, fühlen sich in dieser Zeit oft einsamer als unter dem Jahr. Das liegt daran, dass Weihnachten kulturell stark als familiäres Fest geprägt ist. Dadurch werden Beziehungserwartungen verdichtet.

Gleichzeitig sehen wir auch historische Veränderungen. Studien zeigen, dass Single-Haushalte heute weniger stark mit Einsamkeit verbunden sind als früher, weil diese Lebensform gesellschaftlich akzeptierter ist. Ähnliches gilt für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt: Je höher die gesellschaftliche Anerkennung, desto geringer das Einsamkeitsrisiko.

Religiöse Normen und ihre Schattenseiten

 

Raun: Werden diese Erwartungen auch in kirchlichen Kontexten sichtbar?

Roleder: Religiöse Vorstellungen können ebenfalls eine ambivalente Rolle spielen. Wenn religiöse Sozialnormen bestehen und Menschen diese nicht erfüllen können, kann das Einsamkeit verstärken.

Ich kann etwa mit aktuellen Daten aus der Schweiz zeigen, dass alleinerziehende Personen, die regelmäßig Gottesdienste besuchen, teilweise eine höhere Einsamkeitsbelastung berichten. Eine plausible Erklärung ist, dass implizite Normen der bürgerlichen Kleinfamilie im Hintergrund wirken – auch in Gottesdiensten und kirchlichen Festformaten.

Raun: Wo läuft kirchliche Praxis Gefahr, Einsamkeit unbeabsichtigt zu verstärken?

Roleder: Kirchliche Feste und Feiern sind oft stark auf Familien ausgerichtet. Damit stellt sich die Frage, wo eigentlich alleinstehende Menschen vorkommen.
Anerkennung von Vielfalt muss sich praktisch zeigen – etwa in Sprache, Ritualen oder Segensformen. Unterschiedliche Lebenssituationen sollten ohne Wertung wahrgenommen und einbezogen werden. Dafür braucht es einen Kulturwandel hin zu einer selbstverständlichen Anerkennung von Diversität.

Einsamkeit als gesellschaftliches Thema – nicht als neues Phänomen

 

Raun: Einsamkeit wird derzeit stark öffentlich verhandelt. Spiegelt diese Aufmerksamkeit eine reale Zunahme – oder eher eine veränderte Wahrnehmung?

Roleder: Einsamkeit ist derzeit sehr präsent im öffentlichen Diskurs. Das ist grundsätzlich zu begrüßen, weil es zur Entstigmatisierung beiträgt. Man darf diesen Awareness-Diskurs aber nicht mit der tatsächlichen Einsamkeitsbelastung verwechseln.

Schon in den 1980er-Jahren gab es starke öffentliche Einsamkeitsdiagnosen in Deutschland. Der Philosoph Odo Marquard beschrieb bereits damals Einsamkeit als ein „Zeitleiden“. „Wir leben in einem Zeitalter der Einsamkeit“ ließt man in seinem Essay von 1983.

Es wurde die Sorge formuliert, moderne Gesellschaften könnten Vereinzelung hervorbringen. Später wurde vor allem in den USA und Großbritannien Einsamkeit als Gesundheitsrisiko diskutiert, Stichwort: chronische Einsamkeit und erhöhtes Sterberisiko. Dieser Diskurs ist ab etwa 2016 auch in Deutschland stärker angekommen und wurde durch die Corona-Pandemie weiter verstärkt.

Die große Aufmerksamkeit – und die kleine Minderheit, die wirklich leidet

 

Raun: Was lässt sich aus Studien und Erhebungen darüber sagen, wie verbreitet Einsamkeit tatsächlich ist?

Roleder: Langfristige Studien zeigen, dass die Einsamkeitsbelastung in Deutschland – mit Ausnahme der Pandemiezeit – stabil oder sogar rückläufig ist. Es stimmt also nicht, dass wir alle immer einsamer werden.

Raun: Wie erklären Sie sich, dass die öffentliche Wahrnehmung von Einsamkeit so stark ist, während die empirischen Befunde eher Stabilität zeigen?

Roleder: Durch unterschiedliche zeitliche Dynamiken von Einsamkeit. Punktuelle Einsamkeitserfahrungen – etwa bei Umzügen, Beziehungsabbrüchen oder in neuen Lebensphasen – sind relativ häufig. Sie sollten nicht pathologisiert werden, sondern können sogar funktional sein: Wer sich einsam fühlt, spürt oft zunächst den Impuls, wieder Anschluss zu suchen und Kontakte aufzunehmen.

Gerade weil solche Erfahrungen weit verbreitet sind, ist auch der öffentliche Diskurs über Einsamkeit so präsent. Problematisch ist vor allem die chronische, intensive Einsamkeit, die eine kleinere Minderheit betrifft – etwa sechs Prozent der Bevölkerung in der Schweiz etwa. In Deutschland ist die Belastung ähnlich. Diese Form ist besonders belastend und verdient gezielte Aufmerksamkeit.

Wenn Einsamkeit bleibt – und zur Belastung wird

 

Raun: Ab wann wird aus solchen punktuellen Einsamkeitserfahrungen eine chronische Belastung?

Roleder: Chronische Einsamkeit entsteht häufig durch eine Kombination verschiedener Faktoren: psychische Erkrankungen, eingeschränkte Mobilität, Krankheit oder traumatische Erfahrungen. Zentral ist oft eine Rückzugsspirale: Wenn ich meine Mitmenschen dauerhaft negativ wahrnehme und mich abgelehnt fühle, ziehe ich mich zurück – was die Einsamkeit weiter verstärkt.

Raun: Sie haben von etwa sechs Prozent gesprochen, die von chronischer Einsamkeit betroffen sind. Wird Einsamkeit vor diesem Hintergrund derzeit zu stark dramatisiert?

Roleder: Es gibt im gesellschaftlichen Diskurs schon eine ‚Dramatisierung‘ von Einsamkeit, gerade wenn von einer Epidemie der Einsamkeit gesprochen wird. Solche Narrative halte ich für nicht hilfreich, weil sie empirisch nicht zutreffen. Einsamkeit gehört in unterschiedlichen Formen zum menschlichen Leben, ebenso wie andere schwierige Gefühle.

Die Angst vor Einsamkeit ist oft auch eine Angst vor negativen Emotionen insgesamt.

Raun: Haben wir heute mehr Angst vor negativen Gefühlen?

Roleder: Der Mensch versucht generell negative Gefühle zu vermeiden und sich auf positive zu konzentrieren.  Es gibt in meinen Augen eine gesellschaftliche Tendenz, herausfordernde Gefühle zu vermeiden oder zu pathologisieren, man denke an den Begriff toxische Positivität. Hier kann Kirche eine wichtige Rolle spielen – als Lernort, an dem ambivalente Erfahrungen Raum haben dürfen.

Einsamkeit muss nicht immer sofort „gelöst“ werden. Sie gemeinsam auszuhalten, kann bereits ein erster Schritt zur Bewältigung sein. 

Zwischen Gottesnähe und Gottverlassenheit

 

Raun: Welche Bedeutung kann der Glaube im Umgang mit Einsamkeit haben – und wo stößt er dabei auch an Grenzen?

Roleder: Auch die Gottesbeziehung wirkt ambivalent. Manche Menschen erleben in Einsamkeit eine tragende Nähe Gottes, etwa im Gebet, und fühlen sich dadurch unterstützt, mit den Herausforderungen ihres Lebens umzugehen. Andere erfahren in Situationen sozialer Einsamkeit zugleich eine religiöse Krise oder ein Gefühl von Gottverlassenheit. In solchen Fällen kann Einsamkeit sogar noch verstärkt werden.

Raun: Gehört Gottverlassenheit nicht zum Glauben dazu? Man denke an „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“

Roleder: Ja. Kirche sollte Räume eröffnen, in denen auch Erfahrungen von Gottverlassenheit ausgesprochen werden dürfen. Solidarisch auszuhalten, auch Raum für Erfahrungen von Gottverlassenheit zu geben.

Gleichzeitig leisten Kirche, Diakonie und Seelsorge in vielen Bereichen sehr konkrete Arbeit gegen Einsamkeit – von der TelefonSeelsorge über Besuchsdienste der Kirchengemeinden bis hin zu längerfristigen Begleitformaten wie Sozialpartnerschaften der Diakonie. Diese Angebote werden auch von vielen Menschen außerhalb kirchlicher Kontexte genutzt. Hier erfüllt Kirche eine wichtige gesellschaftliche Funktion. 

Dr. Felix Roleder

Dr. Felix Roleder, Juniorprofessor für Praktische Theologie in Hamburg, widmet sich der Ambivalenz von Einsamkeit – und der Frage, welche Rolle Kirche dabei spielt.

 

Unterstützung bei Einsamkeit – hier finden Sie Hilfe

 

Rund-um-die-Uhr-Seelsorge

  • TelefonSeelsorge Hamburg: kostenfrei, anonym, 24/7 erreichbar unter 0800 111 0 111 bzw. 0800 111 0 222 oder 116 123
  • Persönliche Seelsorge vor Ort: Viele Pastor*innen und Gemeindeteams bieten Gespräche in Gemeinden an, etwa bei Lebenskrisen, Trauer oder Einsamkeit.

Quartiers- und Begegnungsangebote

  • „Spaziergänge für das Herz und gegen die Einsamkeit“: Hier werden in wiederkehrenden Abständen gemeinsame Spaziergänge  angeboten, um ins Gespräch zu kommen und Gemeinschaft zu erleben.
  • Projekte wie „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ der Evangelischen Stiftung Alsterdorf ermöglichen regelmäßige Gruppentreffen für 20–30 Menschen, mit pädagogischer Begleitung und Raum für Kontakte.

 Angebote für ältere Menschen

Angebote für jüngere Menschen

  • ChatSeelsorge: Hier finden insbesondere Jugendliche die Möglichkeit per Chat in den Austausch über ihre Themen zu kommen

     

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