12.05.2026
Bundespräsident a. D. in Norderstedt

Joachim Gauck über Freiheit, Verantwortung und Demokratie

Bundespräsident a. D. Joachim Gauck in der Christuskirche Garstedt in Norderstedt

„Zusammenhalt stärken – Demokratie fördern“

In der Christuskirche Garstedt spricht Bundespräsident a. D. Joachim Gauck über gelebte Demokratie und die Verantwortung, die damit verbunden ist. Ein Abend, an dem Kirche zum öffentlichen Raum für ernsthafte gesellschaftliche Debatten wird.

Von Marco Tripmaker

Über dem Podium leuchten die Worte „Zusammenhalt stärken – Demokratie fördern“ an die helle Altarwand der Christuskirche Garstedt. Davor sitzt Joachim Gauck im grauen Sessel, die Hände auf den Armlehnen, konzentriert, wach, manchmal nachdenklich. Rund 350 Besucherinnen und Besucher verfolgen an diesem Abend in Norderstedt einen Auftritt, der weit mehr wird als eine klassische Buchvorstellung. Es ist ein intensives Gespräch über Freiheit, Verantwortung und die Frage, wie Demokratie in einer zunehmend verunsicherten Gesellschaft bestehen kann.

Eingeladen hatte die Ev.-Luth. Emmaus-Kirchengemeinde Norderstedt. Moderiert wurde der Abend von Pastor Martin Lorenz. Die Fragen auf dem Podium stellten Klaus Kapinos, Pressesprecher des Verbands für Sicherheit in der Wirtschaft Norddeutschland, Dr. Reinhard Wrege, Direktor des Amtsgerichts Norderstedt, sowie Julina Yu, Vorsitzende des Kinder- und Jugendbeirats Norderstedt. Musikalisch eröffnet wurde der Abend von Kantor Paul Fasang.

Ein Zeitzeuge deutscher Geschichte

Die Christuskirche Garstedt in Norderstedt während eines Abends mit Joachim Gauck
Die Christuskirche Garstedt in Norderstedt ist an diesem Abend gut gefüllt.

Schnell wird deutlich: Hier spricht nicht nur ein ehemaliger Bundespräsident, sondern ein Zeitzeuge deutscher Geschichte. Joachim Gauck hat Diktatur erlebt, Freiheitsbewegungen mitgetragen und später als erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen einen Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit geleistet.

„Freiheit ist niemals selbstverständlich“, sagt Gauck gleich zu Beginn. Es ist ein Satz, der den gesamten Abend prägt.
Mit großer Intensität schildert Gauck die Atmosphäre in der DDR – das Schweigen, die Angst, die Anpassung. Die Kirche sei damals einer der wenigen Orte gewesen, an denen Menschen überhaupt frei sprechen konnten.

„Die Menschen konnten sich unter unseren Dächern versammeln“, erinnert sich Gauck. Bürgerrechte, Demokratie, Umweltfragen oder gesellschaftliche Verantwortung seien zunächst oft in kirchlichen Räumen diskutiert worden.

Die Kirche als Schutzraum der Freiheit

Besonders eindrücklich beschreibt Gauck die Monate des Jahres 1989. Lange hätten viele Menschen nicht geglaubt, dass die DDR tatsächlich zusammenbrechen könnte. „Wir wollten Freiheit – aber wir konnten uns Freiheit zunächst kaum vorstellen“, sagt Gauck.
Als die Demonstrationen in Leipzig nicht gewaltsam niedergeschlagen wurden, habe sich etwas verändert. „Da spürten wir: Jetzt beginnt der Abschied von der Diktatur.“

Immer wieder zieht Gauck historische Linien von damals in die Gegenwart. Dabei spricht er frei, ohne Manuskript, oft analytisch, manchmal humorvoll, an vielen Stellen aber auch sehr persönlich. Die Menschen im Kirchraum folgen ihm aufmerksam über fast zwei Stunden hinweg.

Demokratie braucht Beteiligung

Joachim Gauck und weitere in der Christuskirche in Norderstedt
Joachim Gauck zusammen mit Pastor Martin Lorenz, Klaus Kapinos, Dr. Reinhard Wrege und Julina Yu auf der Bühne.

Großen Raum nimmt an diesem Abend die Frage ein, wie Demokratie heute verteidigt werden kann.
„Demokratie lebt davon, dass wir nicht Zuschauer bleiben“, sagt Gauck. Verantwortung beginne nicht erst in Parlamenten oder Parteien, sondern oft viel früher: in Vereinen, Nachbarschaften, Jugendgruppen oder Kirchengemeinden.

„Ich bin dankbar für jeden jungen Menschen, der sagt: Das ist auch meine Sache.“

Vor allem Julina Yu diskutiert mit Gauck intensiv darüber, wie junge Menschen Demokratie heute erleben. Demokratie müsse praktisch erfahrbar werden – nicht nur theoretischer Unterrichtsstoff bleiben.

„Es reicht nicht, nur über Demokratie zu reden“, sagt Gauck. „Menschen müssen erleben, dass ihre Stimme zählt.“
Besonders bewegend wird der Abend, als Gauck über seine erste freie Wahl 1990 spricht. Erst mit 50 Jahren habe er wirklich frei wählen dürfen. „Sie können sich nicht vorstellen, was es bedeutet, zum ersten Mal frei wählen zu dürfen.“
 

Wahrheit vor Versöhnung

Immer wieder geht es an diesem Abend auch um Schuld, Wahrheit und gesellschaftliche Aufarbeitung. Seine Erfahrungen als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde hätten ihn tief geprägt, sagt Gauck. „Vergebung ist möglich. Aber Wahrheit muss vorher ans Licht.“ Gesellschaften könnten nur Vertrauen entwickeln, wenn sie bereit seien, sich ihrer Vergangenheit ehrlich zu stellen. Dabei gehe es nicht um Rache, sondern um Verantwortung und Aufarbeitung.

Warnung vor autoritären Versuchungen

Zuschauende beim Auftritt von Joachim Gauck in Norderstedt
Die Anwesenden hören den Diskussionen auf der Bühne gespannt zu.

Mit großer Klarheit äußert sich Gauck auch zu aktuellen politischen Entwicklungen. Rechtsextremismus, autoritäre Versuchungen und gesellschaftliche Polarisierung bereiten ihm sichtbar Sorgen.

Gleichzeitig warnt er davor, politische Entwicklungen zu vereinfachen. „Nicht jeder Protestwähler ist ein Nazi“, sagt Gauck. Gefährlich werde es dort, wo Menschen sich von der offenen liberalen Demokratie abwenden und autoritären Antworten zuwenden.

„Eine offene Gesellschaft und starke Führung schließen sich nicht aus.“

Ukraine-Krieg und Verantwortung

Große Aufmerksamkeit erhält auch Gaucks Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, um die es am Ende des Gesprächs geht. Hier widerspricht der ehemalige Bundespräsident ausdrücklich einem „naiven Pazifismus“. Er macht deutlich: „Frieden bedeutet nicht Wehrlosigkeit.“

Demokratien müssten bereit sein, Freiheit und Recht zu verteidigen. „Wenn Aggressoren Gewalt einsetzen, dann muss eine Demokratie bereit sein, Freiheit und Recht zu schützen.“

Gerade diese Passagen lösen im Publikum intensive Reaktionen aus. Einige nicken zustimmend, andere wirken nachdenklich. Der Abend zeigt: Kirche wird hier nicht zum Ort einfacher Antworten, sondern zum Raum ernsthafter gesellschaftlicher Debatte.
 

Kirche als Resonanzraum der Gesellschaft

Joachim Gauck in Norderstedt
Über dem Podium leuchten die Worte „Zusammenhalt stärken – Demokratie fördern“ an die helle Altarwand der Christuskirche Garstedt.

Immer wieder verbindet Gauck politische Fragen mit christlichen Gedanken. Kirche dürfe nicht nur moralische Kommentatorin sein, sondern müsse Räume schaffen, in denen Menschen Verantwortung lernen und Gemeinschaft erleben. „Kirche kann Menschen ermutigen, sich einzumischen.“ Und genau das ist an diesem Abend in der Christuskirche Garstedt spürbar.

Zwischen Altar, Kerzen und der markanten Christusfigur entwickelt sich ein intensives Gespräch über Freiheit, Verantwortung und die Frage, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen kann. Viele Besucherinnen und Besucher erleben Gauck als authentischen Zeitzeugen, dessen eigene Geschichte und Erfahrungen seine Gedanken prägen. Seine Worte bewegen, rütteln auf und regen zum Nachdenken an.

Die Kirche wird dabei zu einem öffentlichen Resonanzraum der Stadtgesellschaft – getragen von Ehrenamtlichen, organisiert mit großer Leidenschaft und geprägt von einem Publikum, das aufmerksam zuhört, nachdenkt und lange applaudiert.

Noch lange nach Veranstaltungsende stehen Besucherinnen und Besucher im Kirchraum zusammen. Vorne bildet sich eine Schlange zur Signierstunde. Es wird weiter diskutiert – über Demokratie, über Kirche, über Verantwortung. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieses Abends: Dass hier nicht nur über Demokratie gesprochen wurde, sondern dass viele erleben konnten, wie sie entsteht.
 

Das könnte Sie auch interessieren
„Verurteilung verschlimmert alles“
Schwerpunkt
Politik und Gesellschaft
„Verurteilung verschlimmert alles“
Politik und Gesellschaft
Warum Kommunikation oft scheitert
Glauben verstehen
FAQ zur Kirchensteuer
Kontakt

Auf vielen Wegen für Sie erreichbar:
ServiceCenter Kirche und Diakonie Hamburg

E-Mail

Kontakt zum Service-Center

WhatsApp

Chatten Sie mit uns

Telefon

Montag – Freitag, 9 – 17 Uhr

Social Media

Besuchen Sie uns auf allen Kanälen