In der Rathauspassage befindet sich das wohl längste Bücherregal der Stadt.
Schierwagen: Wenn Sie auf die erste Sitzung im Audimax am 27. März 1996 zurückschauen: Was war damals Ihre größte Hoffnung?
Reimers: Dass die Zahl der Mitglieder weiter wachsen würde. Bei meiner ersten Pressekonferenz fragte man mich, was ich mir von dem Ganzen erhoffe. Ich sagte mutig: „500 Mitglieder“. Wir starteten mit einem Mitgliedsbeitrag von 120 D-Mark, 60.000 D-Mark wären das dann gewesen. Und heute, 2026, vergeben wir in einer einzigen Sitzung 1,1 Millionen Euro! Das lag damals natürlich außerhalb meiner Vorstellungskraft, aber ich hoffte auf viele neue Mitglieder.
Schierwagen: In 30 Jahren sind mehr als 1.700 Projekte gefördert worden, von Obdachlosigkeit bis hin zu sozialer Isolation. Gibt es ein Projekt, das für Sie beispielhaft zeigt, was „wirksam helfen“ bedeutet?
Reimers: Das ist für mich das Projekt Rathauspassage. Da gab es diesen völlig verwahrlosten Verkehrshang, komplett dunkel und verschmiert. Und wir haben ihn in eine Ladenpassage verwandelt, um Arbeitsplätze für Hinz&Künztler sowie andere Langzeitarbeitslose zu schaffen. Das war ein sehr schwieriges Projekt, aber auch eine große Chance: Wir hatten es geschafft, für viele Hinz&Künztler Wohnungen zu bekommen, aber keine Arbeitsplätze. Aktuell sind in der Rathauspassage 45 Langzeitarbeitslose angestellt, im Laufe der Zeit hat das Projekt weit über 400 Menschen in einen Qualifizierungsprozess in Richtung Arbeitsplatz gebracht.
Schierwagen: Was war bei diesem Projekt die große Herausforderung?
Reimers: Zunächst einmal die große Frage: Was können wir an diesem Ort überhaupt machen? Das hat mir viele schlaflose Nächte gebracht. In einer dieser Nächte fiel mir ein, dass eigentlich alle Kirchengemeinden im Dezember einen Bücherbasar machen. Und da dachte ich: Dieser Ort ist der zentralste der Stadt. Hier könnten wir täglich einen Bücherbasar machen. Daraus entstand die Idee, alte Bücher zu sammeln; aktuell bekommen wir monatlich 20.000 gespendet. Allein dadurch sind einige Stellen finanziert.
Und sonst war das Hauptproblem natürlich das Geld: Wir wollten 1997 die gesamten Kosten – immerhin damals 1,8 Millionen DM – über Spenden finanzieren, damit die Passage nicht von Anfang an finanziell belastet ist. Zum Schluss fehlten noch 200.000 DM, ich hatte keinen Einfall mehr. Da kontaktierte mich ein 99-jähriger Kaffeekaufmann. In einem wunderbaren Gespräch fragte er mich, was ich noch brauche und welche Projekte ich noch so hätte. Also erzählte ich ihm von den Kirchenkaten, die wir im Volkspark für obdachlose Menschen bauen wollten. Der Kaufmann finanzierte all das und noch einen Puffer, weil es am Ende meist teurer wird, als der Architekt voraussagt. In einem zweistündigen Gespräch erhielt ich 400.000 DM – das war der beste Stundenschnitt, den ich je erreicht hatte.