17.04.2026
30 Jahre Hamburger Spendenparlament

Stephan Reimers über Armut, Obdachlosigkeit und Hilfe in Hamburg

Die 92. Sitzung des Hamburger Spendenparlaments

„Eine Idee aus zweieinhalb Tausend Briefen“

Die enorme Resonanz einer Befragung in Hinz&Kunzt führte zur Gründung des Hamburger Spendenparlaments. Wir sprechen 30 Jahre später mit dem Gründer Dr. Stephan Reimers.

Von Christian Schierwagen

Seit 30 Jahren existiert das Hamburger Spendenparlament – offen für alle, politisch und konfessionell unabhängig – und ermöglicht das Ent- und Bestehen vieler sozialer Projekte der Stadt. Mehr als 20 Millionen Euro sind bisher als Fördermittel zusammengekommen, über 1.700 Projekte wurden mit diesem Geld unterstützt.

Seinen Anfang nahm das Spendenparlament mit einer Idee des Theologen Dr. Stephan Reimers. Neben all den anderen großen Projekten, die er initiiert hat, ist das Parlament das einzige, das aus seiner eigenen Feder stammt. Für die vielen anderen sozialen Projekte, wie dem Mitternachtsbus und dem Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt, orientierte er sich an Vorbildern aus anderen Ländern.

Im Interview sprechen wir mit ihm über den überraschenden Anfang, das für ihn wirkungsvollste Projekt und die Grenzen bürgerschaftlichen Engagements.

Ein überraschender Anfang

Christian Schierwagen: Herr Reimers, erinnern Sie sich noch an den Moment, an dem Ihnen klar wurde: Hamburg braucht ein Spendenparlament? War das eher eine Idee auf einem Zettel oder ein längerer Prozess?

Dr. Stephan Reimers: Weder noch, es war eine Überraschung. Zur zweiten Ausgabe von Hinz&Kunzt im Dezember 1993 führten wir eine Lesebefragung mit 39 Fragen durch. Ich hatte damals noch protestiert: „39 Fragen? Kein Mensch antwortet auf so viel.“ Wir bekamen zweieinhalb Tausend Briefe zurück – alle 39 Fragen waren ausgefüllt, oft auch das große Feld für eigene Vorschläge, manche hatten noch einzelne Seiten hinterhergeschrieben.

Das war für mich eine unglaubliche Überraschung. Ich dachte über diese Beteiligungsbereitschaft nach und sah darin eine Chance, Menschen einzuladen, mitzuhelfen und die Vorschläge, die sie gemacht hatten, in die Tat umzusetzen. Außerdem erkannte ich die Möglichkeit, Menschen, die sich jetzt für das Thema Obdachlosigkeit interessierten, auch für andere soziale Probleme der Stadt zu gewinnen.

Die Idee eines Parlaments mit eigener Beteiligung kam mir insofern gut vor, als es in den Jahren etliche Skandale gegeben hatte, in denen Organisationen von Spenden einen viel zu hohen Eigenanteil für ihren Apparat und für Werbung behielten. Viele waren skeptisch: „Kommt denn meine Spende wirklich an?“ Ich dachte mir: Wenn die Menschen den Weg des Geldes bis in das Projekt mitverfolgen können und einen Bericht erhalten, was damit passiert ist, wäre das ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal.

Transparenz als Gegengift gegen Spendenskandale

In der Rathauspassage befindet sich das wohl längste Bücherregal der Stadt
In der Rathauspassage befindet sich das wohl längste Bücherregal der Stadt.

Schierwagen: Wenn Sie auf die erste Sitzung im Audimax am 27. März 1996 zurückschauen: Was war damals Ihre größte Hoffnung?

Reimers: Dass die Zahl der Mitglieder weiter wachsen würde. Bei meiner ersten Pressekonferenz fragte man mich, was ich mir von dem Ganzen erhoffe. Ich sagte mutig: „500 Mitglieder“. Wir starteten mit einem Mitgliedsbeitrag von 120 D-Mark, 60.000 D-Mark wären das dann gewesen. Und heute, 2026, vergeben wir in einer einzigen Sitzung 1,1 Millionen Euro! Das lag damals natürlich außerhalb meiner Vorstellungskraft, aber ich hoffte auf viele neue Mitglieder.

Schierwagen: In 30 Jahren sind mehr als 1.700 Projekte gefördert worden, von Obdachlosigkeit bis hin zu sozialer Isolation. Gibt es ein Projekt, das für Sie beispielhaft zeigt, was „wirksam helfen“ bedeutet?

Reimers: Das ist für mich das Projekt Rathauspassage. Da gab es diesen völlig verwahrlosten Verkehrshang, komplett dunkel und verschmiert. Und wir haben ihn in eine Ladenpassage verwandelt, um Arbeitsplätze für Hinz&Künztler sowie andere Langzeitarbeitslose zu schaffen. Das war ein sehr schwieriges Projekt, aber auch eine große Chance: Wir hatten es geschafft, für viele Hinz&Künztler Wohnungen zu bekommen, aber keine Arbeitsplätze. Aktuell sind in der Rathauspassage 45 Langzeitarbeitslose angestellt, im Laufe der Zeit hat das Projekt weit über 400 Menschen in einen Qualifizierungsprozess in Richtung Arbeitsplatz gebracht.

Schierwagen: Was war bei diesem Projekt die große Herausforderung?

Reimers: Zunächst einmal die große Frage: Was können wir an diesem Ort überhaupt machen? Das hat mir viele schlaflose Nächte gebracht. In einer dieser Nächte fiel mir ein, dass eigentlich alle Kirchengemeinden im Dezember einen Bücherbasar machen. Und da dachte ich: Dieser Ort ist der zentralste der Stadt. Hier könnten wir täglich einen Bücherbasar machen. Daraus entstand die Idee, alte Bücher zu sammeln; aktuell bekommen wir monatlich 20.000 gespendet. Allein dadurch sind einige Stellen finanziert.

Und sonst war das Hauptproblem natürlich das Geld: Wir wollten 1997 die gesamten Kosten – immerhin damals 1,8 Millionen DM – über Spenden finanzieren, damit die Passage nicht von Anfang an finanziell belastet ist. Zum Schluss fehlten noch 200.000 DM, ich hatte keinen Einfall mehr. Da kontaktierte mich ein 99-jähriger Kaffeekaufmann. In einem wunderbaren Gespräch fragte er mich, was ich noch brauche und welche Projekte ich noch so hätte. Also erzählte ich ihm von den Kirchenkaten, die wir im Volkspark für obdachlose Menschen bauen wollten. Der Kaufmann finanzierte all das und noch einen Puffer, weil es am Ende meist teurer wird, als der Architekt voraussagt. In einem zweistündigen Gespräch erhielt ich 400.000 DM – das war der beste Stundenschnitt, den ich je erreicht hatte.

„Wir stoßen beim Thema Unterbringung an Grenzen“

Schierwagen: Und wenn Sie auf die soziale Lage in Hamburg blicken: Wo würden Sie sagen, war das Spendenparlament ein wirklicher „Gamechanger“? Und wo stoßen Sie an Grenzen?

Reimers: Ich glaube, dass durch all diese Aktivitäten der Druck auf die Sozialbehörde gewachsen ist. Unter anderem durch den Einfluss und das Drängen der Wohlfahrtsverbände ist beispielsweise das Winternotprogramm stetig erweitert und verbessert worden. Doch insgesamt stoßen wir beim Thema Unterbringung an Grenzen: Obdachlose Menschen konkurrieren natürlich auch mit vielen anderen Menschen um Wohnraum in der Stadt.

Die Politik sagt zwar oft, sie würde die Obdachlosigkeit abschaffen, aber es ist ein Thema, das bleibt. In unserer Leistungsgesellschaft werden immer wieder Menschen abstürzen, sei es in Hamburg oder in anderen Städten. Dieses Thema wird uns – leider – erhalten bleiben.

Entlang der Bedarfe gehen

Schierwagen: Gibt es eine gemeinsame Erfahrung, aus der all die Projekte entstanden sind, die Sie angestoßen haben?

Reimers: Der generelle Zusammenhang ist die Obdachlosigkeit: Wir haben uns um Wohnungen gekümmert, daraus entstanden die Kirchenkaten in den Gemeinden. Wir halfen, die Hamburger Tafel auf den Weg zu bringen. Das Spendenparlament kam für sonstige Bedürfnisse hinzu, der Mitternachtsbus, um die Menschen nachts zu besuchen, und schließlich die Rathauspassage für feste Arbeitsplätze. Wir gehen im Grunde stetig an den Bedürfnissen der Menschen entlang, die herausgefallen sind.

Schierwagen: Was würden Sie einer jungen Person raten, die überlegt, Mitglied des Spendenparlaments zu werden oder sich bei der Diakonie zu engagieren? Warum lohnt sich dieses Engagement gerade jetzt?

Reimers: Ich habe mit dem Wort „jetzt“ meine Schwierigkeiten, denn ich glaube, das war und ist zu jeder Zeit wichtig. Seit Stephanus, einem der ersten Diakone im frühen Christentum, in der Bibel angefangen hat, sich um Waisen und Witwen zu kümmern, gibt es in der Gesellschaft immer sehr viel zu tun. Wenn man sich davon ansprechen lässt, dann ist man als christlicher Mensch, denke ich, auf einem sehr richtigen Pfad. Und gerade heute, in einer Zeit vieler Spannungen, kann dieses Engagement ein wichtiges Zeichen für Mitgefühl und Zusammenhalt setzen.

Mitentscheiden, wo Hilfe ankommt

Sie möchten, dass Hamburg sozialer wird? Im Hamburger Spendenparlament entscheiden Sie mit, welche Projekte gefördert werden. Schon mit einem Jahresbeitrag können Sie Mitglied werden und an den öffentlichen Parlamentssitzungen teilnehmen. 

Mehr Informationen und die nächsten Sitzungstermine finden Sie auf der Website des Hamburger Spendenparlaments.

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