15.06.2026
Pride-Monat 2026

„Meine Kirche will mich": WELCOMING OUT macht Verbündetenschaft sichtbar

Die Initiative WELCOMING OUT auf einem CSD

Haltung sichtbar zeigen

Beide Kirchenkreise Hamburgs sind Teil von WELCOMING OUT: Einer Initiative, die queeren Menschen das Coming-out erleichtern soll. Kirche Hamburg im Gespräch mit den beiden Geschäftsführenden Markus Hoppe und Vanessa Lamm.

Von Christian Schierwagen

Es reicht ein kleines Symbol – ein Button am Rucksack oder ein Aufkleber auf dem Handy: Wer das Symbol von WELCOMING OUT trägt, sendet eine klare Botschaft. „Die Idee hinter der Initiative ist, dass Menschen mit einem Symbol ihre bereits vorhandene Akzeptanz gegenüber queeren Menschen sichtbar machen – und sie dadurch zu einem angstfreien Coming-out einladen", sagt Markus Hoppe, der die Initiative gemeinsam mit Vanessa Lamm gegründet hat. 

Eine grundsätzliche Annahme des Coming-outs wird damit auf den Kopf gestellt: Es sind nicht queere Menschen, die ihr Coming-out haben „müssen“. Stattdessen zeigen Verbündete („Allys“) ihre Akzeptanz zuerst. Die Botschaft: Ich akzeptiere dich so, wie du bist.

Woran man Haltungen nicht abliest

Die Idee wuchs aus mehr als zehn Jahren Fortbildungsarbeit zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Immer wieder erlebten beide dasselbe Phänomen: Menschen, die sich selbst als sehr offen und akzeptierend beschrieben, gingen davon aus, dass ihre Umgebung das auch wisse. 

„Niemandem sieht man an der Stirn an, welche Haltung er oder sie hat", sagt Markus. Für queere Menschen – die vor einem möglichen Coming-out abwägen, wie das Gegenüber wohl reagieren wird – ist genau das aber entscheidend. 

„Die einen wissen nicht, woran sie bei ihrem Umfeld sind. Die anderen wissen nicht, wie wichtig es ist, ihre Haltung mitzuteilen", fasst Markus diese Lücke zusammen. WELCOMING OUT soll sie schließen.

Das Coming-out bleibt ein „All-in"

Dabei ist das Bedürfnis nach Sicherheit vor einem Coming-out für queere Menschen eine traurige Notwendigkeit, denn: In Deutschland werden Coming-outs nach wie vor von der Mehrheit queerer Menschen als hochschwellig erlebt.

„Coming-out ist ein All-in", sagt Vanessa Lamm. „Man kann das nicht am nächsten Morgen zurücknehmen, wenn es schlecht gelaufen ist." Wenn in der Aufklärungsarbeit gesagt wird, 80 Prozent der Eltern reagierten eigentlich okay, dann sei das statistisch ermutigend. Aber, so Vanessa: „Eine betroffene Person kann zu Recht fragen: Und was, wenn ich bei den 20 Prozent bin?" Die Angst gilt dem eigenen, konkreten Umfeld – nicht dem statistischen Durchschnitt.

Das zeigt auch eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Je näher eine Person einem selbst steht, desto größer werden die Vorbehalte. Während sich viele Menschen bei der Vorstellung, dass eine Arbeitskollegin sich outet, recht entspannt zeigen, steigen die Vorbehalte deutlich, sobald es um das eigene Kind geht. 

Mehr als ein Sticker

Die Buttons der Initiative WELCOMING OUT
Die Buttons sind eine Möglichkeit, die eigene Verbündetenschaft sichtbar zu machen.

Ein Button am Rucksack – reicht das wirklich aus, um etwas zu verändern? Vanessa und Markus sagen: ja. Aber sie stellen klar, was das heißt und was nicht.

„Nicht jede Maßnahme muss die gleiche Wirkung haben", erklärt Markus. „Wer schon weit ist, braucht vielleicht eine vertiefende Fortbildung. Wer bei null anfängt, braucht zuerst etwas anderes. Du brauchst ein breites Maßnahmenpaket." WELCOMING OUT füllt eine Lücke, die bisher kaum jemand besetzt hatte: die Sichtbarmachung vorhandener Verbündetenschaft.

Vanessa ergänzt: „Wenn eine einzige Person ein angstfreies Coming-out erleben kann – was kann das für sie bedeuten? Wenn man queere Menschen fragt, wird sehr schnell klar, wie stark die positive Wirkung ist." 

Das Symbol ist dabei mehr als ein Sticker. Es öffnet Gespräche, die sonst nicht stattgefunden hätten. Markus nennt es einen „Dialogöffner". Das ist besonders relevant, wenn man an rechtspopulistische Narrative denkt, die behaupten, die Mehrheit habe genug vom Thema. Dabei zeigt der Ipsos Pride Report 2025 das Gegenteil: Drei Viertel der Deutschen sprechen sich dafür aus, dass queere Menschen vor Diskriminierung geschützt werden sollten.

Motivation und Sorge zugleich

Allerdings: Der Rückenwinde für die Rechte queerer Menschen lässt nach, weltweit hat sich die Situation für queere Menschen in vielen Ländern verschlechtert, besonders in den USA. Das spüre auch WELCOMING OUT: Einige Unternehmen mit US-Bezug springen beim Sponsoring ab, erzählen die beiden. 

„Das macht die Arbeit nicht leichter", gibt Markus zu. Und trotzdem: „Die Initiative ruht auf der Überzeugung, dass die Mehrheit der Menschen akzeptierend ist – auch dann, wenn laute Minderheiten das Gegenteil behaupten.“ Es braucht mehr Menschen, die ihre Haltung nach außen tragen. WELCOMING OUT ist für die beiden der Weg dahin.

Was Kirche besonders gut kann

Beide Hamburger Kirchenkreise sind Patrons von WELCOMING OUT. Was bedeutet das über das Symbolische hinaus? 

PATRONS OF WELCOMING OUT sind Organisationen – etwa Unternehmen, Verwaltungen, Kirchenkreise oder Vereine –, die die Initiative finanziell und kommunikativ unterstützen. 

Sie helfen dabei, WELCOMING OUT bekannt zu machen: durch Sponsoring, interne Kommunikation, Veranstaltungen und gemeinsame Aktionen. Auf diese unterschiedlichen Weisen tragen sie dazu bei, dass möglichst viele Menschen das Symbol sehen, verstehen und für ihr eigenes „Welcoming Out“ nutzen können.

Für Markus Hoppe, der sich selbst als katholisch sozialisiert beschreibt, ist Kirche beides: ein Ort, an dem er ein gut aufgefangenes Coming-out erlebt hat – in der Jugendarbeit in seiner Gemeinde – und auf der anderen Seite eine Institution, zu der er ein zwiespältiges Verhältnis hat. 

Gleichzeitig schätzt er die Strahlkraft von Kirche: Wenn ein Kirchenkreis seine Gemeinden anschreibt und einlädt, selbst Patron zu werden, dann wirkt das bis in die kleinsten Einheiten hinein – in Gemeindegespräche, Konfirmandengruppen, Seniorenkreise, Jugendarbeit. „Es ist etwas anderes, wenn ein Konzern ein Rundschreiben macht, als wenn eine Kirche das tut", sagt Markus. 

Vanessa Lamm, evangelisch aufgewachsen, hat teils andere Erfahrungen mit Kirche: Sie habe früher nie eine pastorale Person über ihre sexuelle Orientierung informiert. Zusätzlich hat sie erlebt, wie zerstörerisch dogmatisch-konservative Auslegungen von Kirche für queere Menschen sein können. Aber gerade deshalb ist ihr klar, was auf dem Spiel steht: „Glaube und Kirche hätten eigentlich genau das Potenzial, was wir mit unserer Arbeit auch suchen – sichere Räume, Gemeinschaft, einen Liebesbegriff, der nicht an Bedingungen geknüpft ist. Ein Zuhause."

Wenn genau diese Institution sagt: „Du gehörst nicht dazu", sei das besonders verletzend, weil die Bindung so eng ist. Umgekehrt: Wenn Kirche den Raum öffnet, ist die Wirkung enorm. „Wenn queere Jugendliche und Erwachsene erleben: Meine Kirche will mich – das ist ein riesiger Unterschied."

Kirche als Ort der Begegnung

Eine Gruppe junger Menschen unterhält sich, eine Person trägt einen "WELCOMING OUT"-Pullover
„Glaube und Kirche hätten eigentlich genau das Potenzial, was wir mit unserer Arbeit auch suchen – sichere Räume, Gemeinschaft, einen Liebesbegriff, der nicht an Bedingungen geknüpft ist. Ein Zuhause", sagt Vanessa Lamm.

Doch was können Gemeinden, die Patron werden wollen, über Buttons und Banner hinaus konkret tun? Markus nennt Segnungsgottesdienste – zum Beispiel für trans Personen, die mit ihrem richtigen Namen in der Kirche anerkannt werden wollen –, thematische Gemeindeabende zur Verbündetenschaft oder Patron-Treffen mit dem Schwerpunkt Kirchengemeinden.

Vanessa betont, dass Kirche ein Ort sein kann, an dem Menschen aus sehr verschiedenen Lebenswirklichkeiten einander begegnen. „Die 70-jährige Alleinstehende und die junge trans Person sind vielleicht beide einsam. Beide müssen nicht nur in getrennten Räumen, in getrennten Angeboten vorkommen, sondern können in gemeinsamen Räumen erleben: Wir sind Teil derselben Gemeinschaft."

Kirche, so Vanessa, habe die Chance, genau solche Räume zu bieten: analog, niederschwellig, mit einem klaren: „Du bist willkommen".

Beide Hamburger Kirchenkreise – Kirchenkreis Hamburg-Ost und Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein – sind Patrons von WELCOMING OUT. Mehr Informationen und alle Materialien zur Initiative gibt es unter welcoming-out.com.

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