Lale Raun: Herr Henze, ihr Buch heißt: Mit Gott gegen die Demokratie. Von welchem Gott sprechen wir hier – und warum ist dieser Gott gegen die Demokratie?
Arndt Henze: Im christlichen Nationalismus, wie wir ihn in den USA sehen, ist das ein triumphalistisches, herrschaftsförmiges Gottesbild. Gott steht an der Seite der eigenen Nation; staatliche Macht bekommt dadurch eine religiöse Legitimation. Das ist gerade nicht der Gott, der an der Seite der Schwachen steht, sondern ein Gottesbild der Sieger, der Nation und dem Recht des Stärkeren.
Und warum ist dieser Gott gegen die Demokratie?
Demokratien beruhen aber auf gleichen Rechten für alle und dem Schutz der Schwächeren – und darauf, dass gesellschaftliche Ordnungen veränderbar und verhandelbar bleiben. Genau das ist der ‚religiösen Rechten‘ ein Dorn im Auge: dass Frauen, queere Menschen, religiöse Minderheiten und Menschen ohne Religion gleiche Rechte einfordern können – und dass religiöse Deutungs- und Herrschaftsansprüche begrenzt werden.
„Nicht Demokratie braucht Religion – Religion braucht Demokratie“
Wenn es eine Errungenschaft des demokratischen Rechtsstaats ist, religiöse Deutungs- und Herrschaftsansprüche zu begrenzen: Braucht Demokratie Religion also gar nicht – eher im Gegenteil?
Dass Demokratien Religion im Sinne von identitätsstiftenden und Loyalität fordernden Dogmen, Symbolen und Riten bräuchte - dafür gibt es im Moment wenig empirische Evidenz. Das gilt weder für Russland mit der orthodoxen Staatskirche noch für die USA, nicht für Ungarn, religiöse Extremisten in Israel, den Hindunationalismus in Indien oder den politischen Islam. Überall dort bräuchte es eine religiöse Abrüstung.
Heißt das, religiöses Engagement ist verzichtbar?
Nein. Es bedeutet nicht, dass Menschen sich nicht aus ihrem Glauben heraus in der Demokratie engagieren sollen. Meine Antwort wäre deshalb: Nicht Demokratie braucht Religion – Religion braucht Demokratie. Sie zähmt die Religion.
In welcher Hinsicht?
Von innen kommt die Zähmung aus der eigenen Tradition. Schaut man in die Bibel, dann war die Botschaft der Propheten immer besonders kritisch, wenn sich Macht und Religion verbunden haben. Umso schärfer haben sie dann auf das Recht verwiesen, das den Menschen Schutz vor gegenüber den Mächtigen zusagt.
Von außen braucht Religion einen Verfassungsrahmen. Er sagt: Die eigene Freiheit zur Religion ist immer verbunden mit der Freiheit aller anderen – inklusive der Freiheit von Religion. Dort, wo Religion übergriffig wird, findet sie in einer pluralen Gesellschaft eine rote Linie: bis hierhin und nicht weiter!
Was bedeute das konkret für Deutschland?
Als Christ sage ich: Sowohl unser Grundgesetz als auch der Trennung von Religion und Staat tun mit diesen sorgsam ausbalancierten Roten Linien nicht nur der Demokratie, sondern auch den Religionsgemeinschaften gut. Auch der Protestantismus in Deutschland hat sich erst nach 1945 in der Demokratie nach und nach von seinem autoritären und nationalistischen Erbe befreit.
„Viele Religionen tragen in ihrem Ursprung einen Absolutheitsanspruch“
Oft heißt es aber auch, Religion werde nur politisch instrumentalisiert. Greift das zu kurz?
Ja. Viele Religionen tragen in ihrem Ursprung einen Absolutheitsanspruch, der immer in Versuchung ist, sich mit Macht zu verbinden. Wenn Theokraten „Christ is King“ rufen, ist das ja kein Missbrauch von außen.
Wie sollte man dem begegnen?
Um dem widersprechen zu können, brauchen wir einen sehr aufgeklärten Umgang mit biblischen Texten und einen viel genaueres Verständnis für die zerstörerischen Linien unserer Kirchen- und Religionsgeschichte. Sonst dürfen wir uns nicht wundern, wenn selbst betont maskuline Bilder des „christian warriors“ mit apokalyptischen Visionen verknüpft werden, wie wir das gerade in den USA erleben.
Welche religiösen Vorstellungen werden dann politisch ins Spiel gebracht?
Unter christlichen Nationalisten ist es vor allem die Vorstellung, dass mit der Schöpfung unveränderliche, ewig gültige Ordnungen und Hierarchien geschaffen wurden – zwischen Völkern und Nationen, zwischen sogenannten ‚Rassen‘ und Ethnien, zwischen Männern und Frauen. Dazu kommt die streng heteronormative Familie als vermeintlich gottgegebene Lebensform. Solche Vorstellungen ewiger gottgegebener Ordnungen sind veränderungsfeindlich – und damit auch demokratiefeindlich.
Und hierin liegt die Gefahr des christlichen Nationalismus? Ist dieser ‚von Natur aus‘ demokratiefeindlich?
Christlicher Nationalismus in seiner radikalisierten, theokratischen Form ist offen demokratiefeindlich. Sehr populär ist zum Beispiel das Bild vom „Sieben-Berge-Mandat“ – also der Vorstellung, dass es die Aufgabe von Christen sei, die sieben „Berge“ einer Gesellschaft zu erobern und dann nach streng biblischen Maßstäben zu beherrschen: von der Bildung und Kultur über die Wirtschaft bis zu den Machtzentren der Politik.
Da sind wir in Deutschland aber nicht außen vor, oder?
Wir haben in Deutschland eine andere, aber nicht minder zerstörerische Erfahrung mit christlichem Nationalismus. Ein Beispiel: 80 Prozent der evangelischen Pfarrer haben in der Spätphase der Weimarer Republik die nationalistische, autoritäre und antisemitische Deutschnationale Volkspartei gewählt. Auch darin zeigte sich eine tiefe Verachtung für die Demokratie.
Den säkularen Raum anerkennen
Heute verstehen sich katholische und evangelische Kirchen oft als demokratiestärkende Akteure. Wie können sie sich öffentlich einbringen, ohne Politik religiös aufzuladen?
Die entscheidende Frage ist: Wie wird im öffentlichen Raum kommuniziert? Wollen wir aus unseren Prägungen, aus unserem Glauben heraus etwas zum Gelingen der Demokratie beitragen? Oder wollen wir dem Staat selbst, seinen Themen und Institutionen eine religiöse Qualität geben?
Wie sieht dieser Beitrag konkret aus?
Die plurale Demokratie braucht es, dass alle aus ihrem jeweiligen Glauben, aus ihrem Gewissen oder aus säkularen ethischen Überzeugungen heraus zum Gelingen beitragen. Kirchentage sind Feste der Demokratie und Kirchengemeinden sind ganz wichtige Partner im Dorf oder im Stadtteil. Aber zu diesem Gelingen trägt bei, den öffentlichen Raum als einen vielfältigen und deshalb notwendigerweise säkularen Raum anzuerkennen, in dem es immer um die „vorletzten Dinge“ geht, wie es Dietrich Bonhoeffer genannt hat. Demokratien handeln immer das relativ Bessere auf, das darf man nicht mit religiösen Absolutheitsansprüchen aufladen.
Das kann aber ja nicht Beliebigkeit bedeuten. Was bedeutet das in einer so polarisierten Zeit wie heute für die Evangelische Kirche?
Wir brauchen auf verschiedenen Ebenen Klarheit: Es darf überhaupt keinen Zweifel geben, dass die Kirchen verlässliche Partner bei der Verteidigung einer rechtstaatlichen Demokratie sind und menschenfeindliche Positionen weder eine Bühne, noch eine Kanzel oder Einfluss in der Jugendarbeit oder der Diakonie bekommen. Das muss unverhandelbar sein und da gibt es viele engagierte Anstrengungen, unsere Resilienz zu stärken.
Und gleichzeitig?
Gleichzeitig und umso mehr müssen wir aber auch um die Menschen werben, die sich mit den vielfältigen Überforderungserfahrungen von den Verlockungen populistischer Verlockungen angezogen fühlen.
Die Grenzen des Sagbaren
Wo sehen Sie die größten Spannungen?
Gerade in der evangelischen Kirche haben wir da einen Zielkonflikt. Einerseits arbeiten wir an einer Achtsamkeitskultur, die vor allem vulnerablen, marginalisierten und diskriminierten Gruppen einen Safe Space ermöglichen soll. Dahinter dürfen wir auch nicht zurück.
Andererseits ist das ein sehr anspruchsvoller Lernprozess, durch den sich Menschen, die wir erreichen wollen, nicht angesprochen fühlen. Denn zur Realität gehört doch gerade, dass viele Menschen enttäuscht, wütend oder einfach überfordert sind. In den Räumen der Diakonie und übrigens auch in der Seelsorge wird oft ganz anders geredet als im Gemeindesaal der Kirche.
Wie lässt sich das zusammenbringen?
Die große Herausforderung sehe ich darin, diese Welten zusammenbringen: Demokratie ist Streit und so ein Streit muss auch Menschen einbeziehen, die sich nicht so gewählt ausdrücken, wie es im protestantischen Bildungsbürgertum erprobt ist. Da wünsche ich mir, dass wir belastbarer werden – ohne die klaren Grenzen gegenüber Hass und Hetze aufzuweichen.
Konflikte um Sprache, Sagbarkeit und Meinungsfreiheit finden ja nicht nur in kirchlichen Räumen statt. Wie können Kirchen hier wirksam werden, ohne sich selbst zu überschätzen?
Wir brauchen eine lebendige, ansteckende Erzählung, die dem ressentimentgeladenen Modell von Spaltung und Ausgrenzung etwas entgegensetzt. In den USA sieht man das etwa an der Nachbarschaftsbewegung, der „Neighbourhood Movement“, die sich in sehr kurzer Zeit vor allem gegen die grausame Deportationspolitik und die menschenverachtende Rhetorik entwickelt hat.
Nachbar und Nächster. Oder: „Love your neighbor“
Was macht diese Bewegung anders?
Diese Bewegung lebt gerade davon, nicht sauber zu trennen: Denn das Wort „Neighbor“ hält zusammen, wofür wir im Deutschen zwei Wörter haben: Nachbar und Nächster. Das Gebot „Love your neighbor“ verbindet deshalb eine Bewegung, in der sich christliche, jüdische, muslimische und säkulare Kräfte einbringen können und aus voller Überzeugung ihres jeweiligen Glaubens Teil eine starke zivilgesellschaftlichen Bewegung bilden konnten.
Was bedeutet das für Kirchen in Deutschland?
Für Kirchen heißt das: mit all unseren Glaubenshoffnungen „all in“ gehen – und das gleiche von allen anderen zu erhoffen und zu bejahen.
Vielen Dank für das Gespräch!