07.07.2026
Seelsorge & Gesellschaft

„So wie du bist, bist du von Gott geliebt" – Queersensible Seelsorge in Hamburg

Queersensibler Seelsorge aus St. Georg in Hamburg, Malte Stets

Ein Ort, an dem man nichts erklären muss

Malte Stets ist Seelsorger. Sein Angebot richtet sich an queere Menschen in Hamburg – und auch an alle, die sich einfach gesehen fühlen wollen.

Von Christian Schierwagen

Wer zu Malte Stets in die Rostocker Straße 7 in Hamburg-St. Georg kommt, muss keine Bedingungen erfüllen, nichts erklären, sich nicht rechtfertigen oder beweisen. „So wie du bist, bist du okay und von Gott geliebt", sagt der Seelsorger. „Das ist die Grundlage, und dann folgt alles Weitere." Malte Stets ist seit Kurzem bei der Ev.-Luth. Kirche in Hamburg tätig und baut hier das Angebot der queersensiblen Seelsorge auf – als Weiterentwicklung einer über 30-jährigen Hamburger Tradition.

Von der Aidseelsorge zur queersensiblen Seelsorge

Die Aidseelsorge der Ev.-Luth. Kirche in Hamburg besteht seit 1994. Was damals im Hamburger Stadtteil St. Georg begann – mitten in einem stark von HIV/AIDS betroffenen Viertel Deutschlands – war ein bewusstes kirchliches Signal: Wir stehen an eurer Seite. Über drei Jahrzehnte hat dieses Angebot schwule Männer, HIV-Positive und ihre Angehörigen begleitet.

Heute trägt es einen neuen Namen: Aus der Aidseelsorge wird die queersensible Seelsorge. Ein Prozess, der mehr ist als eine Umbenennung, erklärt Malte Stets. „Wenn wir über queersensible Seelsorge reden, dann ist das, was bisher unter Aidseelsorge gelaufen ist, nicht einfach weg." Die Menschen, die über Jahrzehnte Vertrauen aufgebaut haben, sollen nicht das Gefühl bekommen, auf der Strecke zu bleiben. Und gleichzeitig soll der Blick weiter werden.

Was ist queersensible Seelsorge?

Seelsorge ist das seelische Begleiten von Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Queersensibel bedeutet: Das Angebot nimmt explizit die Erfahrungen und Bedürfnisse queerer Menschen in den Blick. 

Im Mittelpunkt steht eine Haltung der Offenheit und des Nicht-Urteilens. Die queersensible Seelsorge kennt das Konzept des Minderheitenstresses: die psychische Belastung, die entsteht, wenn Menschen wegen ihrer Identität diskriminiert werden oder ständig auf Ablehnung vorbereitet sein müssen.

Warum es diesen Ort braucht

Hamburg gilt als offene, liberale Stadt. Trotzdem ist ein Ort wie dieser auch hier wichtig. Stets: „Ich verstehe diese Arbeitsstelle so, dass wir Lobbyarbeit machen für queere Menschen in dieser Kirche, in dieser Stadt, in dieser Region. Um ihnen eine Stimme zu geben und Sichtbarkeit zu verleihen."

Denn nach wie vor sind queere Menschen in Deutschland häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Depressionen werden bei ihnen fast dreimal so häufig diagnostiziert, Einsamkeit ist verbreiteter – bei trans* Personen betrifft sie bis zu einem Drittel. Die Ursachen dafür sind vielfach erforscht: Diskriminierungserfahrungen, das ständige Abwägen, ob man sich sicher zeigen kann, und ein gesellschaftliches Klima, das sich in Teilen wieder eintrübt.

Wer kommt zur Seelsorge? Und warum?

Malte Stets erlebt in seinem Alltag drei Gruppen von Menschen. Manche kommen mit pragmatischen Anliegen: Sie brauchen Hilfe bei Behördengängen, suchen Wohnraum, haben Fragen an das Jobcenter. „Ganz klassische Sozialberatungsthemen", sagt Stets – und kommen eben hierher, weil sie hier ein Verständnis für ihren Kontext erwarten, das sie woanders nicht finden. Andere suchen Gemeinschaft: Ein offenes Frühstücksformat einmal die Woche ist für viele einfach ein Ort, an dem sie dazugehören können.

Eine dritte Gruppe ist besonders: Menschen, die seit vielen Jahren mit HIV leben. Stets nennt sie die „Veteranengruppe" – Langzeitpositive, die Anfang der 1990er Jahre erlebt haben, wie Freunde und Bekannte starben, und die durch frühe Therapien und medizinischen Fortschritt überlebt haben, was damals für viele andere ein Todesurteil war. Heute ist HIV bei konsequenter Behandlung gut kontrollierbar, die Lebenserwartung nahezu normal. Aber was sie erlebt haben, bleibt. „Diese Menschen brauchen einen Schutzraum im Schutzraum", sagt Stets.

Und was bewegt die Menschen, die zu ihm kommen? Seine Antwort ist simpel: „Am Ende bewegt sie genau dasselbe wie nicht-queere Menschen." Die entscheidende Frage sei doch: Wie kann ich gut leben? „Das sind Fragen, die alle bewegen", so der Seelsorger.

Kirche muss Vertrauen wieder aufbauen

Kirche und queere Menschen: Das ist keine einfache Geschichte. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte hat Kirche – das sagt Stets deutlich – „die Moral höher gehängt als die Liebe Gottes zu predigen. Damit hat sie viele Menschen verletzt und abgewiesen." Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat sich 2021 offiziell für die Diskriminierung queerer Menschen entschuldigt. Die Initiative der katholischen Kirche, #OutinChurch, hat 2022 deutlich gemacht, wie sehr queere Menschen auch in kirchlichen Arbeits- und Lebensräumen Ausgrenzung erfahren.

Malte Stets beantwortet die Frage nach dem Vertrauen mit einer Gegenfrage. Wenn jemand zu ihm sagt „Ich traue Kirche nicht" – dann fragt er zurück: „Aber warum bist du dann hier?" Darin liegt für ihn der Kern: „Am Ende stehen Institutionen doch immer mit ihrem Personal vor Ort." Und: Dass Kirche sich überhaupt eine solche Einrichtung leistet, sei „schon ein starkes Stück".

Gleichzeitig ist Stets klar, dass dieses Vertrauen nicht gesichert ist. Seine Stelle läuft zunächst für acht Jahre. Und der gesellschaftliche Druck auf Errungenschaften queerer Menschen – das Zurückdrehen von Rechten, die Normalisierung von Ausgrenzung in politischen Debatten – macht auch vor der Kirche nicht halt. „Wenn wir nicht aufpassen, wachen wir eines Morgens auf, reiben uns die Augen und denken: Das hatten wir doch alles mal, wo ist das hin?"

Wie es um die Rechte queerer Menschen steht

In Deutschland ist die rechtliche Situation für queere Menschen in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen besser geworden – etwa mit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare (2017) und dem Selbstbestimmungsgesetz (2024). 

Gleichzeitig zeigen Studien, dass Diskriminierungserfahrungen alltäglich bleiben: Laut dem europäischen LGBT-Survey erlebt ein erheblicher Teil queerer Menschen regelmäßig Diskriminierung, Belästigung oder Gewalt. Und auch das gesellschaftliche Klima verändert sich – nicht nur in den USA.

Glaube und queere Identität: kein Widerspruch

„In meiner queeren Identität war für mich immer klar: Da gibt es keine Diskrepanz zu meinem Gott." Es habe Diskrepanzen gegeben zu Kirche als Institution, ja – aber nicht zu Gott. Das sei eine andere Baustelle.

Für Stets gehören Glaube und queere Identität zusammen. „Wenn es ein Bild für Queerness gibt, dann ist das für mich Gott, der alles Leben durchkreuzt." Gott in sich sei queer, also vielfältig, uneingrenzbar, Gegenteil von Eindeutigkeit. „Da ist so viel drin und so viel angelegt – die ganze Fülle des Lebens und die ganze Vielfalt."

Diese Überzeugung ist für Malte Stets auch klar theologisch fundiert. „Wenn wir die Bibel ernst nehmen an der Stelle, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, dann ist er eben in seiner ganzen Vielfalt nach Gottes Bild geschaffen, also in seiner ganzen Diversität. Da gibt es für mich kein Vertun." 

Und die Bibelstellen, die jahrhundertelang als Verurteilung gelesen wurden? Stets formuliert es so: „Wir wissen, dass das in ihrer Zeit verhaftete Aussagen sind. Es ist nicht das, was Christum treibet, um das mal mit Luther auszudrücken."

Was meint queere Theologie?

Queere Theologie ist seit Jahrzehnten ein wachsendes Feld. Ihr Ansatz: Bibelstellen historisch-kontextuell lesen, anstatt sie als zeitlose Moral zu missverstehen.

Mehr als ein Anlaufpunkt

Malte Stets denkt die queersensible Seelsorge nicht nur als Ort, zu dem Menschen kommen. Seine Idee: die kirchliche Landschaft Hamburgs queersensibler zu machen – von innen heraus. Er will als Dienstleister für Gemeinden verstanden werden. In jeder Kirchengemeinde gibt es queere Menschen. Manchmal denkt man: „Doch nicht hier“. Aber dann sei das eher ein Problem des Sehens, so der Seelsorger. Dann sei die entscheidende Frage: Was können Teams tun, um diesen Jugendlichen Raum zu geben?

„Andere dazu befähigen, queersensibel zu agieren – das wäre die Richtung, die ich für sinnvoll halte", sagt er. Und zwar nicht, weil eine eigenständige queere Gemeinde nicht wünschenswert wäre, sondern weil die klassischen Gemeinden ihre eigenen blinden Flecken bearbeiten müssen. Ein Ort, an dem jemand wie Malte Stets sitzt und sagt: „So wie du bist, bist du gut": Das sei ein Anfang, sagt der Seelsorger.

 

Die queersensible Seelsorge der Ev.-Luth. Kirche in Hamburg ist erreichbar über aidsseelsorge.de. Das wöchentliche offene Frühstück und die monatlichen Gottesdienste in der Dreieinigkeitskirche St. Georg-Borgfelde sind öffentlich.

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