03.08.2026
Pride Week

„Wir weichen keinen Meter“ – Wie Kirche beim CSD Haltung zeigt

Der Truck von Kirche Hamburg fährt an der Hauptkirche St. Petri vorbei

Jetzt erst recht

Eine Rekordzahl von 300.000 Menschen feierten am 1. August auf dem Hamburger Christopher Street Day. Die Evangelische Kirche Hamburg war mittendrin: mit Talar, Glitzer und Segen für alle.

Von Christian Schierwagen

Es glitzert, wohin man auch schaut: Beim bisher größten Christopher Street Day (CSD) der Hansestadt Hamburg kamen am 1. August rund 300.000 Menschen zusammen. Mitten zwischen buntem Konfetti, Lady Gaga und queerer Lebensfreude fuhr die Evangelische Kirche Hamburg mit einem eigenen Truck – und setzte damit ein wichtiges Zeichen, gerade nach dem Anschlag beim Berliner CSD wenige Tage zuvor. 

„Es geht um nichts Geringeres als Menschenwürde“

Präses Anja Fährmann und Pröpstin Anja Botta vor dem Truck von Kirche Hamburg
Präses Anja Fährmann und Pröpstin Anja Botta sind zum wiederholten Mal beim Hamburger CSD auf dem Truck dabei.

Zum dritten Mal in Folge setzte sich der Truck der Evangelischen Kirche in Bewegung. Dieses Jahr mit dem passenden Claim: „Fürchte dich nicht. L(i)ebe frei und sichtbar“. Warum es so wichtig für die Ev.-Luth. Kirche ist, bei so einem Ereignis dabei zu sein, fasste Präses Anja Fährmann im Gespräch mit der Hamburger Morgenpost (MOPO) zusammen: „Es geht um nichts Geringeres als Menschenwürde." Pröpstin Anja Botta – ebenfalls mit an Bord des Trucks – ergänzte: „Gerade in diesen Zeiten, wo wir merken, dass der Druck queeren Menschen gegenüber steigt. Wir weichen keinen Meter zurück, erst recht nicht in diesem Jahr!"

So eine kirchliche Präsenz hat eine starke und wichtige Wirkung nach außen, findet auch Pastorin Lydia von st. moment, der Ritualagentur der Evangelischen Kirche in Hamburg. „Wir sind jedes Jahr hier auf dem CSD vertreten und wollen damit in erster Linie sichtbar sein und sagen: Hey, Gott ist Liebe – und genau das tragen wir weiter.“ Sie erinnert sich an eine Begegnung mit verdutzten CSD-Teilnehmenden, die Lydia in ihrem Talar nicht einordnen konnten. „Sie fragten mich, ob ich von der Kirche sei. Als ich bejahte, strahlten sie mich an.“ Am Ende schenkte ihr jemand einen Sticker mit den Worten: „Jetzt sind wir verbunden.“

Zwischen Trauer und Trotz

In seiner Eröffnungsrede erinnerte der Hamburg-Pride-Vorstand Stefan Mielchen an den Anschlag beim Berliner CSD. Er kritisierte die aus seiner Sicht empathielose politische Reaktion aus Berlin vonseiten der Regierung, bevor er die Menschenmenge motivierte: „Unsere Lebensfreude tragen wir auf die Straße. In diesem Sinne: Happy Pride!“

Rund 150 Gruppen – darunter 55 Trucks – hatten sich für den CSD angemeldet. Nach dem Anschlag in der Woche zuvor war die Sicherheitslage in Hamburg verschärft worden, doppelt so viele Polizeibeamt*innen waren im Einsatz als 2025. Ausgelassenheit und Wachsamkeit lagen an diesem Tag nahe beieinander. Auf einen Teilnehmer auf dem Truck der Evangelischen Kirche Hamburg wirkten die Straßen „deutlich besser gesichert“ als noch im Jahr zuvor.

Was auf dem Berliner CSD geschehen ist

Wenige Tage vor dem Hamburger CSD kam es beim Christopher Street Day in Berlin zu einem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag. Eine Frau starb, mehr als 30 weitere Menschen wurden verletzt. Die Tat löste bundesweite Bestürzung aus und führte zu verstärkten Sicherheitsmaßnahmen bei nachfolgenden CSD-Veranstaltungen, darunter auch in Hamburg.

Segen auf der Straße

Auch in diesem Jahr bot st. moment zusammen mit KonsulT, dem Konvent schwuler und lesbischer Theolog*innen der Nordkirche (das sich an diesem Tag „KonQueer“ nennt), ein Segenszelt vor der Hauptkirche St. Petri auf der Mönckebergstraße an. Im Interview mit dem NDR sagte Pastorin Meike Barnahl, Leitung von st. moment, dazu: „Es ist wichtig, dass wir uns als Kirche stark machen, insbesondere in einer Zeit, wo queere Menschen immer mehr Anfeindungen ausgesetzt sind, sich politisch dafür einzusetzen.“

Pastorin Lydia und zwei Menschen, die ihren Segen empfangen haben
Pastorin Lydia zusammen mit Bärbel und Volker, nachdem beide ihren Segen erhalten haben.

Deswegen würden sie alle auch den Talar tragen: Um sichtbar für die Menschen als Teil von Kirche zu sein. Eine wichtige Geste, für kirchenfremde wie -nahe Menschen – wie Bärbel und Volker, die sich zum CSD von Lydia haben segnen lassen. Sie sind schon seit Jahren eng mit der Evangelischen Kirche verbunden und haben zwei queere Kinder. „CSD ist gar keine Frage“, so Bärbel. „Wir waren schon immer Verbündete für queere Menschen, seit dem Coming-out unserer Kinder natürlich umso mehr.“

Für das Paar hat der Segen von Lydia eine besondere Bedeutung, denn die Pastorin hatte vor rund einem Jahr die Namenssegnung für eines ihrer Kinder in dessen Gemeinde vorgenommen. Hat der CSD in diesem Jahr etwas in den beiden verändert? „Eher bestärkt er uns in dem, was sowieso schon da ist“, antwortet Volker. „Wer Berührungsängste hat, dem sage ich: Kommt, wie ihr seid, und probiert es aus!“

Eine Minute Stille

Junge Menschen auf dem Truck von Kirche Hamburg beim CSD
Insgesamt war die Stimmung auf dem CSD in Hamburg ausgelassen, doch die Vorfälle auf dem Berliner CSD waren für wohl alle Beteiligten präsent.

Der Anschlag in Berlin war auf dem Hamburger CSD immer wieder präsent. Als der Truck des Berliner CSD-Vereins – kurzfristig zu Gast in Hamburg – an der St. Petri vorbei fuhr, läuteten die Glocken und die Parade war für einen Moment der Erinnerung still. 

Dann ging sie weiter, entschlossen und laut wie zuvor. Marco Tripmaker, Leitung der Kommunikation im Kirchenkreis-West/Südholstein und Teilnehmer auf dem Truck der Evangelischen Kirche Hamburg, beschrieb es so: „Da war so viel Liebe in den Gesichtern der Leute, alle waren friedlich, als würden sie spüren, wie wichtig es gerade jetzt ist, sich zu zeigen“.

Auch Inna Avdeeva, die ebenfalls auf dem Kirchen-Truck mitfuhr, empfand die Stimmung als bestärkend: „Der Hamburger CSD hat richtig Spaß gemacht, und es war wirklich schön zu sehen, dass nicht trotz, sondern gerade aufgrund des Anschlags auf den CSD in Berlin so viele Menschen auf die Straße gegangen sind, um ein klares Zeichen gegen Gewalt und für Vielfalt und Toleranz zu setzen." Dass die Evangelische Kirche mit einem eigenen Truck dabei war, habe dabei eine besondere Bedeutung: „Das Wir-Gefühl kennt keine Schubladen, und jeder Mensch ist überall willkommen."

Sichtbare Trauer um die Opfer des Anschlags in Berlin, gleichzeitig eine ungebrochene Entschlossenheit mit einer Rekordbeteiligung: Der CSD in Hamburg 2026 war ein wichtiges Ereignis für viele Menschen, nicht nur in der Hansestadt. Für die Ev.-Luth. Kirche in Hamburg bedeutete es vor allem, nicht zurückzuweichen, sondern lauter zu werden.

Das könnte Sie auch interessieren
Politik und Gesellschaft
Demokratie braucht Mut
Politik und Gesellschaft
Mit Gott gegen die Demokratie
Lina Hoeft, Rahul Yadav und Landespastorin Annika Woydack (v.l.) erklären, wie Integrationskurse Brücken bauen.
Schwerpunkt
Politik und Gesellschaft
Integrationskurse öffnen die Tür ins neue Zuhause
„Verurteilung verschlimmert alles“
Schwerpunkt
Politik und Gesellschaft
„Verurteilung verschlimmert alles“
Politik und Gesellschaft
Warum Kommunikation oft scheitert
Glauben verstehen
FAQ zur Kirchensteuer
Kontakt

Auf vielen Wegen für Sie erreichbar:
ServiceCenter Kirche und Diakonie Hamburg

E-Mail

Kontakt zum Service-Center

WhatsApp

Chatten Sie mit uns

Telefon

Montag – Freitag, 9 – 17 Uhr

Social Media

Besuchen Sie uns auf allen Kanälen