02.10.2026
Integration

„Ich fühle mich nicht fremd“ – Mubaraks Weg ins Freiwilligennetzwerk

Lächelnder Mann im braunen T-Shirt an einer Fensterbank.

Ein Kern kirchlicher Arbeit

Mubarak kam vor drei Jahren nach Hamburg. Heute ist er ein fester Teil des Freiwilligennetzwerks Harburg. Wir sprechen mit ihm und der Netzwerk-Leitung Maren Gutmann über Ankommen, Vertrauen und wie Integrationsarbeit ein Kern von kirchlicher Arbeit ist.

Von Christian Schierwagen

Mit einem mulmigen Bauchgefühl steht Mubarak an einer Bürotür in Hamburg-Harburg und ringt mit sich. Es ist das Jahr 2023, Mubarak ist gerade einmal seit drei Monaten in Deutschland. Sein Deutsch reicht zu diesem Zeitpunkt kaum für einen ganzen Satz, seit Wochen überlegte er hin und her, ob er überhaupt an den Ort gehen soll, vor dem er jetzt innehält und abwägt. „Ich hatte große Angst“, erinnert er sich im Interview mit Kirche Hamburg. Dann überwindet er sich. „Im schlimmsten Fall schmeißen sie mich wieder raus.“ 

Das haben sie nicht. Heute ist Mubarak für das Freiwilligennetzwerk Harburg (FNH) ein fester Bestandteil des Teams aus Engagierten. Das FNH ist ein Projekt des Kirchenkreises Hamburg-Ost und vermittelt Menschen, die sich freiwillig engagieren möchten, an soziale Projekte und gemeinnützige Organisationen in Harburg – von der Seniorenbegleitung bis zur Beratung für Neuankömmlinge.

Ein Kaffee, der alles verändert

An diesem Tag vor gut drei Jahren öffnete ihm ein Kollege die Tür, die beiden setzten sich zusammen, tranken Kaffee und sprachen miteinander – so gut es eben damals ging. „Ich entschuldigte mich für mein gebrochenes Deutsch und ich weiß noch, wie er meinte: ‚Das macht überhaupt nichts. Dafür sind wir da.‘ Das hat mir viel bedeutet.“ 

Grundsätzlich schlechte Erfahrungen hatte Mubarak bis dahin keine in Deutschland gemacht, doch die Sprachbarriere isolierte den jungen Mann. „Die Leute waren alle immer sehr nett zu mir, aber niemand hat Lust, mit jemandem ein Gespräch zu führen, der nur ein paar deutsche Worte kennt.“ Mit dem gemeinsamen Kaffee in dem Büro des FNHs sollte sich das ändern.

Vom Übersetzer zur Familie

Maren Gutmann, Leiterin des Freiwilligennetzwerks, erinnert sich an die Zeit, als Mubarak bei einem interkulturellen Projekt eine zentrale Hilfe wurde: „Unser Ziel ist es ja nicht, an den Menschen vorbei Projekte aufzusetzen, sondern wir wollten erfahren, wo es Hürden gibt.“ Mubarak half unter anderem dabei, mehrsprachige Flyer und ein Willkommensschild für die Tür des Freiwilligennetzwerks zu gestalten.

Als Übersetzer unterstützt Mubarak unter anderem bei Beratungsgesprächen und verschiedenen Veranstaltungen. Doch sein Beitrag geht über das Sprachliche hinaus: „Ich sehe die Leute, die verunsichert und ängstlich dastehen und nicht wissen, ob sie zu uns kommen sollten. Ich verstehe sie, weil es mir selbst einmal so ging.“ 

Mubarak betont: „Das FNH-Team ist für mich ein bisschen wie eine Familie geworden“, „Ich fühle mich nicht fremd. Wenn ich Hilfe brauche, sind sie für mich da.“ Gutmann reagiert, sichtlich bewegt: „Das freut uns sehr zu hören, uns geht es genauso.“

„Wir sind das Tinder fürs Ehrenamt“

Lächelnde Frau mit runder Brille und hellblauer Jeansbluse, die Arme verschränkt.
Maren Gutmann leitet mit Herzblut das Freiwilligennetzwerk Harburg.

Was macht das Freiwilligennetzwerk Harburg eigentlich? Maren Gutmann bringt es mit einem spannenden Vergleich auf den Punkt: „Wir sind das Tinder fürs Ehrenamt.“ Gemeint ist eine Vermittlung zwischen Menschen, die sich engagieren möchten, und gemeinnützigen Organisationen, die Unterstützung suchen. Das Freiwilligennetzwerk ist eine von sieben Freiwilligenagenturen in Hamburg, jede bezirklich verortet, gemeinsam vernetzt über die Plattform freiwillig.hamburg.

Geschichten wie die von Mubarak erlebte Maren Gutmann in ihrer Zeit beim Freiwilligennetzwerk viele. Sie erinnert sich an eine Frau aus dem Iran, die über das Netzwerk für einen Senioren-Besuchsdienst vermittelt wurde. „Zwischen einer älteren Dame und ihr hat sich eine innige Freundschaft entwickelt, die beiden haben Weihnachten zusammen verbracht und jede ihre eigenen Traditionen eingebracht.“ Für die Leitung beginnt an dieser Stelle Integration: bei der Begegnung und dem einander Kennenlernen. 

Wie Kirche Integration leben kann

Gerade bei politisch aufgeladenen Themen heißt es oft: Kirche hat sich herauszuhalten. Das sieht Maren Gutmann anders: „Kirche ist doch genau dort gefragt, wo Menschen Unterstützung, Orientierung oder Gemeinschaft suchen.“ Es sei nicht ihr Auftrag, parteipolitische Positionen zu vertreten – „wohl aber, Menschen unabhängig ihrer Herkunft und Religion mit Respekt zu begegnen“.

Der Staat würde beim Thema Integration wichtige Rahmenbedingungen schaffen, sagt sie weiter. „Kirche trägt wiederum dazu bei, dass Gemeinschaft gelebt wird. Sie schafft einen Raum, in dem Menschen zusammenkommen, wo Engagement wachsen und Vertrauen entstehen kann.“

Über 1.000 Möglichkeiten, sich einzubringen

Myriel Burkhardt, Maren Gutmann und Sonja Krajewski sitzen auf steinernen Eingangsstufen und lächeln in die Kamera.
Von links: Myriel Burkhardt, Maren Gutmann und Sonja Krajewski vom Freiwilligennetzwerk Harburg

Auf der gemeinsamen Plattform freiwillig.hamburg bieten die sieben Hamburger Freiwilligenagenturen aktuell über 1.000 Engagement-Möglichkeiten an – vom Handwerk über Kanu-Müllsammelaktionen bis zur Begleitung älterer Menschen. Dabei ist es Gutmann wichtig zu betonen, dass freiwilliges Engagement nicht auf Dauer angelegt sein muss: „Niemand verpflichtet sich hier für immer und ewig. Ob einmalig oder regelmäßig, gibt es auf unserer Plattform für jede Lebensrealität, jeden Wunsch, jede Leidenschaft und für jedes Talent das richtige Engagement.“

Für Mubarak war der Tag, an dem er die Tür ins Büro des Freiwilligennetzwerks Harburg öffnete, der Moment, der sein Leben in eine andere Richtung lenken sollte. Wohl nicht zufällig, klingt sein Rat an Menschen, die neu ankommen, ein wenig wie ein Echo aus seiner Vergangenheit: „Einfach klingeln, auch mit Angst im Bauch.“ Man weiß schließlich nie, was einen auf der anderen Seite der Tür erwartet.

Besondere Aktion zum 15. Jubiläum

Seit 15 Jahren bringt das Freiwilligennetzwerk Harburg (FNH) Menschen zusammen, die sich mit Zeit, Ideen und Wissen engagieren möchten. Zum Jubiläum möchte das FNH-Team mit einem individuell gestalteten Kartenset für ein „Mehr Wir“ begeistern. 15 vom Harburger Stadtmaler Ralf Schwinge illustrierte Karten geben Impulse zum Nachdenken und Mitmachen. Weitere Informationen gibt es hier: Mitmach-Aktion: 15 Jahre mehr WIR! - Freiwilligennetzwerk Harburg

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